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Heimitismus am Hebbel-Theater

Das Inszenieren von Theaterstücken scheint eine langweilige Angelegenheit zu sein - vor allem für die Regisseure der Berliner Volksbühne. Das fragliche Repertoire zwischen "Hamlet" und "Hamletmaschine" bietet ja auch keine nennenswerte Ausbeute, weswegen die um sich greifende Versprechtheaterung von Filmen und Romanen nur allzu verständlich ist. Wenn man dann lediglich als Ausstatterin dabei ist, juckt's einen erst recht, auch mal selbst die Zügel in die Hand zu nehmen. Also hat Anna Viebrock, bisher zuständig für die Bebilderung der Arbeiten Marthalers und Wielers, am Regiepult das Sagen übernommen - womit die Welle der Bühnenadaptionen Heimito von Doderer erreicht hat. Und natürlich gleich "Die Dämonen". Und weil gut 1300 Seiten für zwei Stunden ein bißchen dünn sind, hat Viebrock für ihre "Ohne Leben Tod" überschriebene Arbeit am Berliner Hebbel-Theater auch noch eine Mahler-Sinfonie als Soundtrack drangehängt.

Leider hat's keiner so richtig gemerkt. Der Rezensent beispielsweise entdeckte diese Produktion erst, als sie fast schon abgespielt war - via "Perlentaucher" ausgerechnet in der "tageszeitung". Als die "Süddeutsche" am 3. Januar 2005 zur wortreichen Besprechung ausholte ("Überhaupt erweist sich das Enigmatische an diesem Abend mehr als verstörend denn als phantasiegebierend"), war "Ohne Leben Tod" schon seit über zwei Wochen im Depot verschwunden. Wo das Stück auch bleiben soll, wie das Theater auf Nachfrage bekanntgab. Laut einer hausinternen Schätzung haben je 150 Zuschauer die sieben Vorstellungen verfolgt, was bei einer Kapazität von 360 Plätzen sicher keine Traumquote ist. Und ob sich diese rund tausend Theatergänger fürderhin der Doderer-Lektüre hingeben (sofern sie das nicht schon vorher getan haben), sei zumindest dahingestellt.

Trotz der mangelnden Befriedigung, die das Musiktheaterprojekt auf verschiedenen Seiten hinterlassen haben dürfte, muß die Idee als solche gewürdigt werden: Es ist zweifellos originell, Doderer und Mahler auf dem Theater zusammenzudenken. Schließlich findet sich Theatralisches in beiden Oeuvres, ohne daß originäre Bühnenwerke daraus erwachsen wären. Ersatzhandlungen mag man bei Doderer in dessen deftiger Figurenrede und seinen Auftritten als Rezitator eigener Texte sehen, bei Mahler in dessen Wirken als Operndirigent und Komponist von Liederzyklen. Als gemeinsamen geistigen Hintergrund beider läßt sich nicht allein die jeweils bedeutsame Konversion zum Katholizismus ausmachen, sondern vor allem der Fluchtpunkt Wien. Wenn Doderer den Niedergang der k.u.k.-Monarchie aus der Erfahrung zweier Weltkriege analysiert hat, so müßte dieses Ereignis dem 1911 gestorbenen Mahler durch die Fin-de-Siècle-Atmosphäre und die Flucht vor dem grassierenden Antisemitismus wenigstens denkbar erschienen sein. Daß manche Interpreten in Mahlers vielfach gebrochenem Ton eine Vorahnung des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen hören, steht auf einem anderen Blatt.

Derlei ausbaufähige Gedankenspiele nützen indes wenig, wenn man ein Theaterpublikum vor dem Einschlafen bewahren will. Viebrocks Realisierung verdichtete "Die Dämonen" auf eine überwiegend stumme Darstellung des "Nachtbuch der Kaps" und dementsprechend der Krächzi-Episode. Dies alles spielte sich in einer Art Wohnklo mit Kochnische ab, in dem die Schauspielerin Bettina Stucky als Anna Kapsreiter die meiste Zeit damit beschäftigt war, eine Kaffeemaschine anzustarren (Doderer! Kaffeemaschine!). Eine Etage darüber residierte die Sinfonietta Leipzig unter Leitung von Johannes Harneit auf Kirchenbänken, wandte dem Publikum den Rücken zu und spielte in Kammerbesetzung Auszüge aus Gustav Mahlers 4. Sinfonie - zuerst als Untermalung eine (recht zusammenhanglose) Lesart des Adagios, dann das Finale mit Knabensopran als Requiem auf Krächzi, der hier im Ton der "Wunderhorn"-Lieder die "himmlischen Freuden" genoß. Viel mehr passierte in diesen zwei Stunden eigentlich nicht: Das Geschehen pendelte zwischen Abstraktion, Zusammenhanglosigkeit und Stillstand.

Wer ein Experiment unternimmt, muß dessen Fehlschlag in Kauf nehmen - und gewiß kann man auf einem niedrigeren Niveau scheitern als Viebrock und Harneit in diesem Fall. Immerhin bestärkte einen der Abend in der Vermutung, daß Mahler und Doderer schon gewußt haben werden, warum sie nichts für die Bühne schreiben wollten. In einer Fußnote der "Merowinger" zitiert Doderer seinen Vater, der zwei Arten von Theater unterschieden habe: "1.) Stücke ‚im Blech', wie etwa Shakespeare's Königsdramen, auch Römer-Stücke, 2.) Stücke ‚ohne Blech', das heißt bürgerliche Tragödien". Dem kann mit "Ohne Leben Tod" nun eine weitere Gattung hinzugefügt werden: "Stück mit Blech".

Olaf Wilhelmer

Copyright © Olaf Wilhelmer, 2005
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