Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Dienstag, November 20th, 2007

Worum es ging

1958 hatte die in erster Ehe mit Heimito von Doderer verheiratete Gusti Hasterlik in die USA, wo sie seit Ende 1938 lebte, einen Brief von ihrer Freundin Erika Neubauer aus Wien bekommen. In diesem schrieb Erika Neubauer von Doderers literarischem Erfolg und dass sie sich in einer Romanfigur seiner Dämonen erkannt hatte („Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann.“) – ohne dabei aber den Namen der Figur zu nennen. (Siehe Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”)

Auf der Suche

Erika Neubauer hatte mehrere Briefe an Gusti Hasterlik geschrieben, in denen auch die Rede von ihren drei Töchtern war. Gusti Hasterliks Nichte Giulia Hine machte sich auf die Suche nach den Töchtern – und fand sie. Zunächst über den ebenfalls in den Briefen als Freund und späteren Ehemann von Erikas Tochter Bärbel erwähnten Opernsänger Heinz Holecek und schließlich über den Absender auf Erika Neubauers Briefen. Die Adresse in Wien Pötzleinsdorf ist seit damals, wie sich herausstellte, dieselbe geblieben.

Die Töchter Bärbel Holecek und Dr. Monika Rosenauer hatten mir in Wien von ihrer Mutter Erika Neubauer, ihren Erinnerungen an Dodo Dressel und an Gusti Hasterliks Besuche bei ihrer Mutter in Wien nach dem Krieg erzählt. Prof. Dr. Artur Rosenauer schloss in diese Erzählungen auch Heimito von Doderer ein, den er, (ebenfalls Absolvent und seit 1962 Mitglied des Institutes) wiederholt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung gesehen hatte. Doderer dürfte dort für seine Romane recherchiert haben.

Mit Martin Voraceks Doktorarbeit “Rand der Wissenschaft, Beginn des Magischen. Eine literar-onomastische Studie zu den Figurennamen im Werk Heimito von Doderers” und den Erzählungen der Töchter Erika Neubauers konnte ich den in Frage kommenden Personenkreis auf Dolly Storch, Fella Storch und Angelika Trapp einschränken.

Gefunden

Bei nachfolgenden Telefongesprächen mit Dr. Rosenauer wurde deutlich: Weder passte die Beschreibung der molligen Dolly, noch jene der insektenhaften Fella auf Erika Neubauer. Dafür zeichneten sich auffallende Ähnlichkeiten zwischen Erika Neubauer und Angelika Trapp ab.

Erika Neubauer, Modell für Angelika Trapp

Die Romanfigur Angelika Trapp ist Studentin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stolzer Besitzer eines Autos mit Chauffeur. Sie ist mit dem Historiker Hans Neuberg verlobt, doch dieser trennt sich von ihr und Angelika Trapp heiratet stattdessen den erfolgreichen Dulnik, Klient ihres Vaters und Direktor einer Papierfabrik. Dass Hans Neuberg jüdischen Ursprungs war, Dulnik aber nicht, spielte in den „Dämonen der Ostmark“ noch eine entscheidende Rolle.

Das Modell für Angelika Trapp, Erika Neubauer bzw. Erika Veik, so ihr Mädchenname, unter dem Doderer sie kennen gelernt haben musste, kam 1924 mit 19 Jahren von der nordmährischen, ehemals österreichisch-schlesischen Stadt Troppau, wo sie mit ihren Eltern Arthur und Helene Veik gelebt hatte, zum Studium der Kunstgeschichte nach Wien. Dort lebte sie bei ihrer Tante Tusnelda von Gutenberg in der Landstraße. Ihr Vater, Rechtsanwalt von Beruf, war eine bekannte auch kulturell aktive Persönlichkeit. Er besaß, wie die Romanfigur, ein Auto, das von einem Chauffeur gefahren wurde. Der Großvater, so die Töchter von Erika Neubauer, soll Namensgeber in Doderers “Ein Mord den jeder begeht” gewesen sein. Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen den Vornamen Erika und Angelika sowie dem Namen Troppau, als Ort, in dem Erika ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und dem Familienennamen Trapp von Angelika. Erika Veik war, lange vor ihrer Ehe, mit Hans Neufeld verlobt gewesen; an sein Foto, das die Mutter sichtbar aufbewahrt hatte, erinnerte sich Frau Dr. Rosenauer. Eine Ehe mit dem Fabriksbesitzer Edgar Förster war geplant, doch kam sie nicht zustande und Erika Veik heiratete Mitte der 1930er Jahre Herrn Neubauer.

Ein herzliches Dankeschön an Frau Holecek, Frau Dr. Rosenauer und Herrn Prof. Dr. Rosenauer für eine gemütliche Jause in ihrem wunderschönen Haus in Wien, ihre Bereitschaft, humorvoll und spannend ihre Erinnerungen mit mir zu teilen und dafür, dass ich das Foto von Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater für die Homepage der Doderer Gesellschaft ablichten durfte.

Alexandra Kleinlercher

Antwort auf A. Kleinlerchers Kritik

Mittwoch, Juni 13th, 2007

(bezieht sich auf “Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben”)

Das, was ich in meinem Artikel im Absatz 2 angekündigt habe, ist prompt eingetreten: …”Er (Doderer) ist also einer jener österreichischen Autoren, deren literarische Schaffensperiode in dieses verflossene Jahrhundert der Ideologien fällt und bei
denen daher die Gefahr besteht, dass die sachliche Annäherung an ihr Werk von der moralischen Beurteilung ihrer Person überlagert wird, besonders wenn es um die Literatur in der NS-Zeit geht.”

Es war mir ein Anliegen, einen Überblick über das Leben und Schaffen Doderer’s zu geben, ergänzt durch Informationen Haybachs (Abs.3), ich habe in keiner Passage Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit der Darstellung seiner wechselhaften Lebensabschnitte erhoben. Kennzeichnend für den mir übersandten kritischen Artikel von Dr. Kleinlercher ist

1) dass er sich fast ausschließlich auf die NS-Zeit bezieht (siehe oben) und alle anderen Informationen (Riegelhof, 1. Weltkrieg, russische Gefangenschaft, Nachkriegszeit usw.) scheinbar ignoriert,

2) dass die Schreiberin zugibt, dass es laut Dokumenten nicht ganz einfach zu eruieren ist, wer nun wirklich Trauzeuge für wen bei dieser Hochzeit war (ich habe lediglich auf die Information von Haybach hingewiesen und halte es für überflüssig, über so eine Nebensächlichkeit langmächtig zu polemisieren). Ich habe den Lebenslauf Doderer’s nur aus einem Grund aufgerollt: Um aus Anlass seines 110. Geburtstages und seines 40. Todestages einem interessierten Leserkreis anhand detaillierter Darstellungen aus einzelnen Lebenssituationen Doderer’s Werk und die darin verpackten autobiographischen Momente zugänglicher zu machen (siehe „Zaunkönig“, S.15, Abs.5).

3) Loew-Cadonna erwähnt in seinem Kommentar auf S 71: „Im Frühjahr 1933 trat Doderer der (in Österreich damals verbotenen) NSDAP bei“. Nun gut, 1.4.33, Verbot: 19.6.33, ich nehme diesen Hinweis gerne zur Kenntnis, vermerke aber, dass die Zeitangabe „im Frühjahr 1933“ auch vor allem als Mittel zur Textstraffung anzusehen ist.

4) Die Erwähnung, dass Gusti Hasterlik Jüdin war, ist weder falsch noch in irgendeiner Weise polemisch gemeint. Diese von mir in keinster Weise abwertend verwendete Feststellung kann auch nicht als „damals aufoktruierte Fremdbestimmung’ in eine heutige Diskussion einfach hineininterpretiert werden, das hat Loew-Cadonna auf Seite 72 sehr wohl dargestellt, indem er über Doderer schreibt: „… (der unmittelbar nach dem Ehedesaster, in typisch weit ausholender Projektion sich in seinem Antisemitismus bestätigt fühlte). Während seiner Ernüchterung in Sachen Nazi-Deutschland nahm er wiederum Anlass, der These von den schicksalslogischen Ab- und Irrläufen neuen Auftrieb zu verleihen…“. Ich habe weder versucht, Doderer’s NS-Vergangenheit zu beschönigen noch diese n u r auf seine gescheiterte Beziehung zu Gusti Hasterlik zurückzuführen. Sollte dennoch für irgendjemand dieser Eindruck entstehen, tut es mir leid. Dass sie eine Rolle dabei gespielt habe, aus der damaligen allgemeinen Situation heraus, möge man nicht abstreiten.

5) Dem einen Autor (Martin Mosebach) einen fehlerhaften und verzerrten und in einem Atemzug mir gar keinen Bezug zu Wolfgang Fleischer’s Doderer-Biographie vorzuwerfen, lasse ich insofern nicht gelten, als ja mein Beitrag zum Doderer-Gedenken ausdrücklich als zusätzliche Information zu allen bisherigen verstanden werden sollte, was ich auch in meinem Artikel im Abs.3 zu Beginn deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Die Absenderin der Kritik geht in keiner Weise auf andere Informationen, z.B. die russische Kriegsgefangenschaft, ein.

6) Doderer’s Beitritt zur Reichsschrifttumskammer diente natürlich dem Zweck, veröffentlichen zu können. Ein Schriftsteller, der nicht veröffentlichen kann, ist isoliert, was sollte an meiner Formulierung ‚Durchbrechung der Isolation’ falsch sein?

7) Ich kann nicht umhin, die in manchem sicher berechtigten Kritikpunkte zum größten Teil aber als überspitzt und einzig und allein auf die NS-Zeit fokussiert aufzufassen. Meine Formulierung: “…Doderer hat dies ein Leben lang bereut und bezeichnete es später als ‘barbarischen Irrtum’” ist natürlich nicht spezifisch auf die Mitgliedschaft bei der Reichsschrifttumskammer gemünzt und hätte auch von der Kritikerin bei mehr Wohlwollen meinen Ausführungen gegenüber ohne weiteres auch etwas weitgreifender interpretiert werden können.

Ich habe in der Zwischenzeit die Web-Seite der Doderer-Gesellschaft nach Aktivitäten durchgesehen außer dem genannten Beitrag über meinen Artikel, mit dem ich ausschließlich die positive Absicht bekundete, meinen Beitrag zu leisten, Doderer’s Werk in Erinnerung zu rufen, zu würdigen, es für den wissenschaftlich nicht unmittelbar Befassten lesbarer zu machen und ein paar weniger beachtete Passagen aus seinem Leben zu erwähnen. Auch, um die Rolle Haybachs vor allem in den schriftstellerischen Anfängen Doderer’s einmal zu würdigen. Dies wird in der Kritik überhaupt nicht erwähnt.

Schließlich habe ich gesehen, dass die Doderer-Gesellschaft das Werk von Schmidt-Dengler/Loew-Cadonna als Einführung nach wie vor anpreist, ich werde genau dafür kritisiert, weil ich Passagen daraus übernommen habe. Das, was man mir unterstellt, wird betrieben: Polemik.

Alles in allem: Wenn diese Diskussion über Formulierungen das Interesse der Zaunkönig-Leser für das Werk Doderer’s, des großen Formulierungskünstlers, zu stimulieren vermag, soll’s mir recht sein!

Christine Korntner, Wien

Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben

Donnerstag, März 15th, 2007

Überlegungen ausgehend von Christine Korntners Artikel „Heimito von Doderer - Spiegelbilder eines Schriftstellerlebens“ (Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, Nr. 1/2007, S. 15-24)

Wer über das Leben von Heimito von Doderer schreibt, muss sich, wie bei jeder Biographie, der ständigen Gefahr bewusst sein, mit fehlerhaften Informationen zu arbeiten. Diese können aus den Erinnerungen des Schriftstellers, seiner Zeitgenossen/innen oder aus Dokumenten stammen, seien sie nun gewollt oder ungewollt. Zusätzlich ist niemand vor eigenen Fehlinterpretationen gefeit. Mit diesem Bewusstsein gewappnet, können durch genaue Recherchen manche Fehler vermieden werden. Wichtig ist Offenheit, um nötigenfalls das Bild, das sich der/die Biograph/in vom Autor gemacht hatte, zu korrigieren.

Das mag für den zehnseitigen Artikel von Christine Korntner etwas zu anspruchsvoll sein. Problematisch an ihrem Beitrag ist aber, dass darin alte Fehler wieder auftreten, von denen man hoffen konnte, sie wären mit dem Buch von Wolfgang Fleischer “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer” (Wien 1996) endgültig korrigiert worden. Selbst Martin Mosebach (Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den „Commentarii“ des Heimito von Doderer, München 2006) musste Wolfgang Fleischer, wenn auch widerwillig, zugestehen, dass auf dessen Doderer-Biographie nicht zu verzichten sei (S. 16f) - allerdings bediente er sich dieser in verzerrter und fehlerhafter Form. Christine Korntner verwendete sie hingegen gar nicht.

Während Wolfgang Fleischer gegen die Doderer-Legenden schrieb, greift Christine Korntner diese wieder auf, indem sie die Aussagen von Doderers Freund Rudolf Haybach übernimmt. Nur einmal schreibt sie zu Recht vorsichtig, Rudolf Haybach sei „nach eigenen Angaben Doderers Trauzeuge“ gewesen (S.20). Tatsächlich war, laut „Eheschein“, Ernst Scharmitzer Doderers Trauzeuge. (Scharmitzers Name steht allerdings unter jenem von Gusti Hasterlik, als wäre er ihr Trauzeuge gewesen, während der Freund der Familie Hasterlik, Walter Störk, als Trauzeuge unter Doderers Namen aufscheint. Vgl. Hine Collection, FSU, item 0504, 1938/10/28).

Erschreckend sind für mich die Interpretation und die Formulierung von Christine Korntner über die angeblichen Folgen der gescheiterten Ehe von Heimito von Doderer und Gusti Hasterlik:

„Aus dieser traumatischen gescheiterten Beziehung zu einer Jüdin [gemeint ist Gusti Hasterlik] heraus trat Doderer im Frühjahr 1933 der damals verbotenen NSDAP bei, und es kann dies, ohne es entschuldigen zu wollen, auch als Projektion gesehen werden, weil er sich in seinem durch das eheliche Desaster ausgelösten kurzfristigen Antisemitismus bestätigt fühlte.“ (S. 20)

Das liest sich so, als läge es in der Verantwortung einer „Jüdin“, dass Doderer 1933 der NSDAP beigetreten sei, als wäre Gusti Hasterlik schuld an Doderers Antisemitismus, als hätte sie ihn in die Arme der NSDAP getrieben. Es liest sich für mich wie eine Täter-Opfer-Umkehrung. Dieser Eindruck wird durch die Wahl des Zwischentitels „Irrwege privat und politisch“ (S. 19) nur noch verstärkt, in dem der private Irrweg, gemeint ist Gusti Hasterlik, mit dem politischen, Doderers NSDAP-Mitgliedschaft, verbunden wird. Korntner gibt zwar am Ende des Absatzes als Quelle Heimito von Doderer 1896-1966. Selbstzeugnisse zu Leben und Werk (München 1995) von Martin Loew-Cadonna an, doch findet sich die Aussage bei ihm in dieser Form nicht.

Schon die Bezeichnung „Jüdin“ für Gusti Hasterlik ist nicht unproblematisch, da es sich dabei nicht um eine Selbstbezeichnung, sondern um eine damals aufoktroyierte Fremdbestimmung handelt. Doderer selbst hatte den Beginn seines Antisemitismus auch nicht mit Gusti Hasterlik angesetzt, sondern verortete diesen schon im Umfeld seiner Kindheit (Commentarii 1951-1956, 3.4.1952, S. 117f). Antisemitische Äußerungen finden sich in seinen Tagebüchern schon Anfang der 1920er Jahre und nicht erst seit dem Scheitern seiner Ehe. Auch seine NS-Sympathien können nicht mit seinem Beitritt zur NSDAP 1933 datiert werden. Diese gehen vermutlich bis auf das Jahr 1927 zurück. (Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben, S. 191.) Christine Korntners Ausdruck vom „kurzfristigen Antisemitismus“ Doderers ist äußerst schwammig und ihre folgenden (zum Teil übernommenen) Angaben sind falsch: dass die NSDAP zum Zeitpunkt von Doderers Beitritt verboten war (Doderer trat der NSDAP am 1.4.1933 bei, verboten wurde sie in Österreich am 19.6.1933), oder dass Doderer Mitglied der Reichsschrifttumskammer (RSK) wurde, „um seine Isolation zu durchbrechen“ (er tat es, um veröffentlichen zu können). Es war auch nicht seine Mitgliedschaft bei der RSK, die er als „barbarischen Irrtum“ bezeichnete und „sein Leben lang bereut[e]“. Falsch ist schließlich, dass sich Doderer nach dem „Anschluss“ 1938 „nicht mehr als NSDAP-Mitglied führen“ ließ (alle Zitate S. 20). All das ist seit der Veröffentlichung von Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie 1996 bekannt und sollte, wenn man über Doderers Leben schreibt, berücksichtigt werden.

Alexandra Kleinlercher

Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Montag, Februar 26th, 2007

An alle Doderer “Dämonen” Leser und Leserinnen:
Welche Romanfigur könnte Gusti Hasterliks Bekannte Erika Neubauer in “Die Dämonen” gewesen sein?

Bei der Übersetzung eines Briefs von Erika Neubauer an Gusti Hasterlik vom 15.1.1958 stieß Giulia Hine, Gusti Hasterliks Nichte, kürzlich auf folgende Stelle:

“Ich wüsste doch so gerne, was Sie zu den “Dämonen” sagen. Wie war ich durch dieses Buch eigentlich den ganzen Sommer auf Ihren Spuren und immer wieder in der Erinnerung bei Ihnen und jener Zeit. Hier ist es ein grosser Erfolg und H. war ja für den Literaturpreis
vorgeschlagen, den dann Camus bekam. Ich bewundere daran unter anderem die unbeschreibliche Arbeit, die der Mann geleistet hat. Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann. Ich wünschte manches gestrichen, bin aber ehrlich verblüfft über den Schritt von den einstigen Werken zu diesem, vor allem in der tollen Formulierung. Aber es gibt Momente, wo man sich einfach nach einem “warmen” Wort oder Gefühl in dem ganzen Buch sehnt. Gott, wüsste ich gerne, was Sie sagen aber das muss für Sie wohl kaum ausdrückbar sein.”
(Hine Collection, Institute on World War II and the Human Experience, Florida State University (FSU), item 5332, 1958/01/15, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste]; Tippfehler wurden korrigiert)

Für wen könnte Erika Neubauer in den “Dämonen” Modell gewesen sein?
Erika Neubauer ist 1905 geboren, war zur Zeit der Romanhandlung Anfang 20, und lebte, auch während des 2. Weltkriegs, in Wien. Sie war Kunsthistorikerin, dürfte sich viel in Musikerfreundeskreisen bewegt haben und kannte Otto (Dodo) von Dressel-Uylefeldt (19.1.1896 - 1947), der in den “Dämonen” als Rittmeister Freiherr von Eulenfeld als Anführer des gerne feiernden und trinkenden “Troupeau” auftritt und zu den “Unsrigen” gehört. Über Otto Dressel schreibt Erika Neubauer am 4.10.1947 an Gusti Hasterlik:

“The children and I had been evacuated to St. Wolfgang where we met Pia Hartungen and Dodo Dressl [sic] who had lived there for 2 years already. During the very long winter nights we often talked about our common friends and past times which brought the conversation to you.
Dodo is doing very badly, he is a walking corpse. Due to his asthma he can hardly walk. His cigarettes and alcohol consumption have decimated him totally. Nobody will give him a job and because he is German he is being threatened with deportation. He does not know what he could live on. All of it is so very sad and slowly his famous humor is fading away too.”
(Ebda, item 4041, 1947/10/04, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste], Übersetzung Giulia Hine)

Für Hinweise welche Figur Erika Neubauer in den “Dämonen” sein könnte, wäre Giulia Hine dankbar. Hat jemand von Euch / Ihnen eine Liste der Figuren, die in den Dämonen vorkommen? Das würde eine Suche nach Erika Neubauer erleichtern.

Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater
Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater

Mit besten Dank für Eure / Ihre Mithilfe beim Suchen
Sandra Kleinlercher im Namen von Giulia Hine

Mosebachs Doderer und sein Schöpfen aus “unreiner Quelle”

Donnerstag, Februar 8th, 2007

“Zu den ‘Commentarii’ des Heimito von Doderer”, so lautet der Untertitel von Martin Mosebachs 73-Seiten Buch “Die Kunst des Bogenschießens und der Roman”, doch über diese, Doderers Tagebücher von 1951 bis 1966, ist darin nur wenig zu erfahren. Dafür äußert er sich auf knapp eineinhalb Seiten abschätzig über Wolfgang Fleischers Buch “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer”: “[N]icht weniger als eine Verleumdung“ sei es, im Falle Doderers „von einem ‘verleugneten Leben’” zu sprechen, schreibt Mosebach (S. 18).

Doch für Doderer selbst galt: “Ein Schriftsteller hat keine Biographie” und so sahen es auch Freunde Doderers, etwa Marie-Louise Reiter: “Ich fürchte, wir alle haben nicht genug Abstand zu ihm [HvD] uns erscheinen seine Unechtheiten, seine Verkrampftheit, sein Geltungstrieb und seine Verschrobenheit wichtig, sie sind es bestimmt nicht, denn gelten darf bei ihm, so sagt er selbst es auch immer, sein Werk und das ist großartig.” (Brief vom 14. 10. 1956 an Auguste Hasterlik in: Hine Collection, FSU, item 5417.)

Was wirft er Wolfgang Fleischer vor? Eine sachliche Kritik findet sich bei Martin Mosebach nicht. Er stellt eine Reihe von Behauptungen auf, ohne diesen konkrete Beispiele folgen zu lassen: “Abneigung” und “Haß”, auch Abscheu unterstellt er Fleischer, obwohl dieser vom “Dichter” “nur Gutes” erfahren habe. Es sei eine der “giftigsten” Biographien, doch Doderer würde “in jeder Zeile seines Werks die ihm nachgesagte Verlogenheit und Niedertracht” widerlegen. Da Mosebach Fleischers Doderer-Biographie selbst als Grundlage seiner Ausführungen nimmt, gesteht er ihr “Gründlichkeit” und “Detailliertes über Doderer” zu, doch habe er nur mit “Widerwillen” aus “dieser unreinen Quelle“ geschöpft (S. 16ff).

Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie ist kritisch, gibt dabei aber ein differenziertes Bild von Doderer. Auch, dass er, als dessen ehemaliger Sekretär, Doderer mochte, bleibt einem genauen Leser nicht verborgen. Doch Mosebach ist kein genauer Leser. In seinem Buch finden sich zahlreiche Fehler, auch solche, die Fleischer in seiner Doderer-Biographie korrigiert hat, etwa, dass Doderer 1933 in Österreich Mitglied der “illegalen [sic] Auslands-NSDAP” geworden sei (S. 22). (Als Doderer im April 1933 der NSDAP in Österreich beitrat, war sie noch legal. Es war auch keine “Auslands”-Partei: 1903/1904 wurde die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) im Habsburgerreich gegründet, 1918 in DNSAP umbenannt, aus der sich 1926 die NSDAP abspaltete.)

Worum geht es Martin Mosebach eigentlich? Das lässt sich unschwer zwischen den Zeilen lesen: Doderers NS-Sympathien sollen bagatellisiert werden. In einer Gegenüberstellung von Doderer und Gütersloh schreibt er bei Doderer von einer “höchstens virtuellen NSDAP-Mitgliedschaft” (”von geradezu federleichter Irrealität” heißt es zuvor auf S. 22), während Gütersloh ein “echter Nazi” gewesen sei (S. 38). Doderer war also gegenüber Gütersloh ‘nur’ Mitglied. Wozu dieser Gegensatz, wenn nicht, um Doderer bei dieser Bewertung besser aussteigen zu lassen. Dass beide die NS-Begeisterung geteilt und eine ähnlich antidemokratisch, hierarchisch geprägte Weltanschauung hatten, geht aus Fleischers Doderer-Biographie hervor; dass Gütersloh auch Opfer des NS-Regimes war (Entlassung, Berufsverbot als Maler und Schriftsteller, Arbeitsdienst), lässt Mosebach, da es seiner Argumentation wohl nicht dienlich ist, unter den Tisch fallen.

Was Mosebach nicht ins Konzept passt, wird weggelassen. Etwa als er Überlegungen zum Titel von Doderers Roman “Die Dämonen” anstellt (S. 31f). Er geht dafür zwar auf den ersten Arbeitstitel “Dicke Damen” ein, erwähnt aber den späteren, “Die Dämonen der Ostmark”, nicht. Dieser Arbeitstitel (und der Inhalt dieses zunächst antisemitisch geprägten Romanprojekts) könnten Mosebachs Aussage “Doderer hat keine Zeile geschrieben, die dem Nazitum verpflichtet gewesen wäre” (S. 22) zumindest relativieren.

Mosebach sagt über Doderers “Dämonen”, diese “mit den Augen der Liebe gelesen zu haben”. Er schreibt: “Liebe macht bekanntlich oft blind, manchmal aber auch sehend, sogar hellsichtig” (S. 29). Letzteres ist ihm nicht vergönnt.

Alexandra Kleinlercher