2. Doderer-Gespräch der Heimito von Doderer-Gesellschaft am 7. Mai

Freitag, April 3rd, 2009

Das 2. Doderer-Gespräch der Heimito von Doderer-Gesellschaft wird am Abend des 7. Mai 2009 ab 19.00 im Austrian Cultural Forum London (G-Map) stattfinden.
Thema ist “Heimito von Doderer in England”. Gesprächspartner sind: Dr. Alexandra Kleinlercher, Prof. Dr. Vincent Kling und Dr. Gerald Sommer.
Zum Abschluß des 2. Doderer-Gesprächs wird der Autor und Radiomoderator Piers Burton-Page seine “Doderer-Collage” mit O-Tönen des Autors und anderen Stimmen zu Person und Werk als Premiere vor Publikum zur Aufführung bringen.
Die Teilnahme ist kostenfrei möglich (um Anmeldung wird gebeten unter culture@austria.org.uk oder Tel. 0044 (0)20/722 573 00).
Ein detailliertes Programm folgt demnächst finden Sie hier.

Die Red.

Antwort auf A. Kleinlerchers Kritik

Mittwoch, Juni 13th, 2007

(bezieht sich auf “Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben”)

Das, was ich in meinem Artikel im Absatz 2 angekündigt habe, ist prompt eingetreten: …”Er (Doderer) ist also einer jener österreichischen Autoren, deren literarische Schaffensperiode in dieses verflossene Jahrhundert der Ideologien fällt und bei
denen daher die Gefahr besteht, dass die sachliche Annäherung an ihr Werk von der moralischen Beurteilung ihrer Person überlagert wird, besonders wenn es um die Literatur in der NS-Zeit geht.”

Es war mir ein Anliegen, einen Überblick über das Leben und Schaffen Doderer’s zu geben, ergänzt durch Informationen Haybachs (Abs.3), ich habe in keiner Passage Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit der Darstellung seiner wechselhaften Lebensabschnitte erhoben. Kennzeichnend für den mir übersandten kritischen Artikel von Dr. Kleinlercher ist

1) dass er sich fast ausschließlich auf die NS-Zeit bezieht (siehe oben) und alle anderen Informationen (Riegelhof, 1. Weltkrieg, russische Gefangenschaft, Nachkriegszeit usw.) scheinbar ignoriert,

2) dass die Schreiberin zugibt, dass es laut Dokumenten nicht ganz einfach zu eruieren ist, wer nun wirklich Trauzeuge für wen bei dieser Hochzeit war (ich habe lediglich auf die Information von Haybach hingewiesen und halte es für überflüssig, über so eine Nebensächlichkeit langmächtig zu polemisieren). Ich habe den Lebenslauf Doderer’s nur aus einem Grund aufgerollt: Um aus Anlass seines 110. Geburtstages und seines 40. Todestages einem interessierten Leserkreis anhand detaillierter Darstellungen aus einzelnen Lebenssituationen Doderer’s Werk und die darin verpackten autobiographischen Momente zugänglicher zu machen (siehe „Zaunkönig“, S.15, Abs.5).

3) Loew-Cadonna erwähnt in seinem Kommentar auf S 71: „Im Frühjahr 1933 trat Doderer der (in Österreich damals verbotenen) NSDAP bei“. Nun gut, 1.4.33, Verbot: 19.6.33, ich nehme diesen Hinweis gerne zur Kenntnis, vermerke aber, dass die Zeitangabe „im Frühjahr 1933“ auch vor allem als Mittel zur Textstraffung anzusehen ist.

4) Die Erwähnung, dass Gusti Hasterlik Jüdin war, ist weder falsch noch in irgendeiner Weise polemisch gemeint. Diese von mir in keinster Weise abwertend verwendete Feststellung kann auch nicht als „damals aufoktruierte Fremdbestimmung’ in eine heutige Diskussion einfach hineininterpretiert werden, das hat Loew-Cadonna auf Seite 72 sehr wohl dargestellt, indem er über Doderer schreibt: „… (der unmittelbar nach dem Ehedesaster, in typisch weit ausholender Projektion sich in seinem Antisemitismus bestätigt fühlte). Während seiner Ernüchterung in Sachen Nazi-Deutschland nahm er wiederum Anlass, der These von den schicksalslogischen Ab- und Irrläufen neuen Auftrieb zu verleihen…“. Ich habe weder versucht, Doderer’s NS-Vergangenheit zu beschönigen noch diese n u r auf seine gescheiterte Beziehung zu Gusti Hasterlik zurückzuführen. Sollte dennoch für irgendjemand dieser Eindruck entstehen, tut es mir leid. Dass sie eine Rolle dabei gespielt habe, aus der damaligen allgemeinen Situation heraus, möge man nicht abstreiten.

5) Dem einen Autor (Martin Mosebach) einen fehlerhaften und verzerrten und in einem Atemzug mir gar keinen Bezug zu Wolfgang Fleischer’s Doderer-Biographie vorzuwerfen, lasse ich insofern nicht gelten, als ja mein Beitrag zum Doderer-Gedenken ausdrücklich als zusätzliche Information zu allen bisherigen verstanden werden sollte, was ich auch in meinem Artikel im Abs.3 zu Beginn deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Die Absenderin der Kritik geht in keiner Weise auf andere Informationen, z.B. die russische Kriegsgefangenschaft, ein.

6) Doderer’s Beitritt zur Reichsschrifttumskammer diente natürlich dem Zweck, veröffentlichen zu können. Ein Schriftsteller, der nicht veröffentlichen kann, ist isoliert, was sollte an meiner Formulierung ‚Durchbrechung der Isolation’ falsch sein?

7) Ich kann nicht umhin, die in manchem sicher berechtigten Kritikpunkte zum größten Teil aber als überspitzt und einzig und allein auf die NS-Zeit fokussiert aufzufassen. Meine Formulierung: “…Doderer hat dies ein Leben lang bereut und bezeichnete es später als ‘barbarischen Irrtum’” ist natürlich nicht spezifisch auf die Mitgliedschaft bei der Reichsschrifttumskammer gemünzt und hätte auch von der Kritikerin bei mehr Wohlwollen meinen Ausführungen gegenüber ohne weiteres auch etwas weitgreifender interpretiert werden können.

Ich habe in der Zwischenzeit die Web-Seite der Doderer-Gesellschaft nach Aktivitäten durchgesehen außer dem genannten Beitrag über meinen Artikel, mit dem ich ausschließlich die positive Absicht bekundete, meinen Beitrag zu leisten, Doderer’s Werk in Erinnerung zu rufen, zu würdigen, es für den wissenschaftlich nicht unmittelbar Befassten lesbarer zu machen und ein paar weniger beachtete Passagen aus seinem Leben zu erwähnen. Auch, um die Rolle Haybachs vor allem in den schriftstellerischen Anfängen Doderer’s einmal zu würdigen. Dies wird in der Kritik überhaupt nicht erwähnt.

Schließlich habe ich gesehen, dass die Doderer-Gesellschaft das Werk von Schmidt-Dengler/Loew-Cadonna als Einführung nach wie vor anpreist, ich werde genau dafür kritisiert, weil ich Passagen daraus übernommen habe. Das, was man mir unterstellt, wird betrieben: Polemik.

Alles in allem: Wenn diese Diskussion über Formulierungen das Interesse der Zaunkönig-Leser für das Werk Doderer’s, des großen Formulierungskünstlers, zu stimulieren vermag, soll’s mir recht sein!

Christine Korntner, Wien

Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben

Donnerstag, März 15th, 2007

Überlegungen ausgehend von Christine Korntners Artikel „Heimito von Doderer - Spiegelbilder eines Schriftstellerlebens“ (Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, Nr. 1/2007, S. 15-24)

Wer über das Leben von Heimito von Doderer schreibt, muss sich, wie bei jeder Biographie, der ständigen Gefahr bewusst sein, mit fehlerhaften Informationen zu arbeiten. Diese können aus den Erinnerungen des Schriftstellers, seiner Zeitgenossen/innen oder aus Dokumenten stammen, seien sie nun gewollt oder ungewollt. Zusätzlich ist niemand vor eigenen Fehlinterpretationen gefeit. Mit diesem Bewusstsein gewappnet, können durch genaue Recherchen manche Fehler vermieden werden. Wichtig ist Offenheit, um nötigenfalls das Bild, das sich der/die Biograph/in vom Autor gemacht hatte, zu korrigieren.

Das mag für den zehnseitigen Artikel von Christine Korntner etwas zu anspruchsvoll sein. Problematisch an ihrem Beitrag ist aber, dass darin alte Fehler wieder auftreten, von denen man hoffen konnte, sie wären mit dem Buch von Wolfgang Fleischer “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer” (Wien 1996) endgültig korrigiert worden. Selbst Martin Mosebach (Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den „Commentarii“ des Heimito von Doderer, München 2006) musste Wolfgang Fleischer, wenn auch widerwillig, zugestehen, dass auf dessen Doderer-Biographie nicht zu verzichten sei (S. 16f) - allerdings bediente er sich dieser in verzerrter und fehlerhafter Form. Christine Korntner verwendete sie hingegen gar nicht.

Während Wolfgang Fleischer gegen die Doderer-Legenden schrieb, greift Christine Korntner diese wieder auf, indem sie die Aussagen von Doderers Freund Rudolf Haybach übernimmt. Nur einmal schreibt sie zu Recht vorsichtig, Rudolf Haybach sei „nach eigenen Angaben Doderers Trauzeuge“ gewesen (S.20). Tatsächlich war, laut „Eheschein“, Ernst Scharmitzer Doderers Trauzeuge. (Scharmitzers Name steht allerdings unter jenem von Gusti Hasterlik, als wäre er ihr Trauzeuge gewesen, während der Freund der Familie Hasterlik, Walter Störk, als Trauzeuge unter Doderers Namen aufscheint. Vgl. Hine Collection, FSU, item 0504, 1938/10/28).

Erschreckend sind für mich die Interpretation und die Formulierung von Christine Korntner über die angeblichen Folgen der gescheiterten Ehe von Heimito von Doderer und Gusti Hasterlik:

„Aus dieser traumatischen gescheiterten Beziehung zu einer Jüdin [gemeint ist Gusti Hasterlik] heraus trat Doderer im Frühjahr 1933 der damals verbotenen NSDAP bei, und es kann dies, ohne es entschuldigen zu wollen, auch als Projektion gesehen werden, weil er sich in seinem durch das eheliche Desaster ausgelösten kurzfristigen Antisemitismus bestätigt fühlte.“ (S. 20)

Das liest sich so, als läge es in der Verantwortung einer „Jüdin“, dass Doderer 1933 der NSDAP beigetreten sei, als wäre Gusti Hasterlik schuld an Doderers Antisemitismus, als hätte sie ihn in die Arme der NSDAP getrieben. Es liest sich für mich wie eine Täter-Opfer-Umkehrung. Dieser Eindruck wird durch die Wahl des Zwischentitels „Irrwege privat und politisch“ (S. 19) nur noch verstärkt, in dem der private Irrweg, gemeint ist Gusti Hasterlik, mit dem politischen, Doderers NSDAP-Mitgliedschaft, verbunden wird. Korntner gibt zwar am Ende des Absatzes als Quelle Heimito von Doderer 1896-1966. Selbstzeugnisse zu Leben und Werk (München 1995) von Martin Loew-Cadonna an, doch findet sich die Aussage bei ihm in dieser Form nicht.

Schon die Bezeichnung „Jüdin“ für Gusti Hasterlik ist nicht unproblematisch, da es sich dabei nicht um eine Selbstbezeichnung, sondern um eine damals aufoktroyierte Fremdbestimmung handelt. Doderer selbst hatte den Beginn seines Antisemitismus auch nicht mit Gusti Hasterlik angesetzt, sondern verortete diesen schon im Umfeld seiner Kindheit (Commentarii 1951-1956, 3.4.1952, S. 117f). Antisemitische Äußerungen finden sich in seinen Tagebüchern schon Anfang der 1920er Jahre und nicht erst seit dem Scheitern seiner Ehe. Auch seine NS-Sympathien können nicht mit seinem Beitritt zur NSDAP 1933 datiert werden. Diese gehen vermutlich bis auf das Jahr 1927 zurück. (Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben, S. 191.) Christine Korntners Ausdruck vom „kurzfristigen Antisemitismus“ Doderers ist äußerst schwammig und ihre folgenden (zum Teil übernommenen) Angaben sind falsch: dass die NSDAP zum Zeitpunkt von Doderers Beitritt verboten war (Doderer trat der NSDAP am 1.4.1933 bei, verboten wurde sie in Österreich am 19.6.1933), oder dass Doderer Mitglied der Reichsschrifttumskammer (RSK) wurde, „um seine Isolation zu durchbrechen“ (er tat es, um veröffentlichen zu können). Es war auch nicht seine Mitgliedschaft bei der RSK, die er als „barbarischen Irrtum“ bezeichnete und „sein Leben lang bereut[e]“. Falsch ist schließlich, dass sich Doderer nach dem „Anschluss“ 1938 „nicht mehr als NSDAP-Mitglied führen“ ließ (alle Zitate S. 20). All das ist seit der Veröffentlichung von Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie 1996 bekannt und sollte, wenn man über Doderers Leben schreibt, berücksichtigt werden.

Alexandra Kleinlercher