Archiv für die Kategorie 'Werk'
Ankündigung: “Die Strudlhofstiege” im RadioKulturhaus Wien
Mittwoch, Dezember 12th, 2007Das RadioKulturhaus Wien lädt am Montag, den 17. Dezember 2007, 20:00 Uhr zu einer Gesprächsrunde im Vorfeld der ORF-Ursendung der dreiteiligen Hörspielbearbeitung von Heimito von Doderers Roman “Die Strudlhofstiege”.
Gäste von Edith-Ulla Gasser sind der Hörspielautor, Helmut Peschina, der Regisseur, Robert Matejka, und der Ehrenvorsitzende der Heimito von Doderer-Gesellschaft, Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler.
Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung nicht vorgesehen (Zählkarten erhalten Sie ab 19:00 Uhr im Foyer des Großen Sendesaals). Mehr >>
Christopher Dietz, Webmaster
Web-Trouvaille: Strudlhofstiege im Herbst
Donnerstag, November 29th, 2007Eine hübsche Bildstrecke über die herbstliche Strudlhofstiege findet sich hier.
Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen”
Dienstag, November 20th, 2007Worum es ging
1958 hatte die in erster Ehe mit Heimito von Doderer verheiratete Gusti Hasterlik in die USA, wo sie seit Ende 1938 lebte, einen Brief von ihrer Freundin Erika Neubauer aus Wien bekommen. In diesem schrieb Erika Neubauer von Doderers literarischem Erfolg und dass sie sich in einer Romanfigur seiner Dämonen erkannt hatte („Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann.“) – ohne dabei aber den Namen der Figur zu nennen. (Siehe Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”)
Auf der Suche
Erika Neubauer hatte mehrere Briefe an Gusti Hasterlik geschrieben, in denen auch die Rede von ihren drei Töchtern war. Gusti Hasterliks Nichte Giulia Hine machte sich auf die Suche nach den Töchtern – und fand sie. Zunächst über den ebenfalls in den Briefen als Freund und späteren Ehemann von Erikas Tochter Bärbel erwähnten Opernsänger Heinz Holecek und schließlich über den Absender auf Erika Neubauers Briefen. Die Adresse in Wien Pötzleinsdorf ist seit damals, wie sich herausstellte, dieselbe geblieben.
Die Töchter Bärbel Holecek und Dr. Monika Rosenauer hatten mir in Wien von ihrer Mutter Erika Neubauer, ihren Erinnerungen an Dodo Dressel und an Gusti Hasterliks Besuche bei ihrer Mutter in Wien nach dem Krieg erzählt. Prof. Dr. Artur Rosenauer schloss in diese Erzählungen auch Heimito von Doderer ein, den er, (ebenfalls Absolvent und seit 1962 Mitglied des Institutes) wiederholt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung gesehen hatte. Doderer dürfte dort für seine Romane recherchiert haben.
Mit Martin Voraceks Doktorarbeit “Rand der Wissenschaft, Beginn des Magischen. Eine literar-onomastische Studie zu den Figurennamen im Werk Heimito von Doderers” und den Erzählungen der Töchter Erika Neubauers konnte ich den in Frage kommenden Personenkreis auf Dolly Storch, Fella Storch und Angelika Trapp einschränken.
Gefunden
Bei nachfolgenden Telefongesprächen mit Dr. Rosenauer wurde deutlich: Weder passte die Beschreibung der molligen Dolly, noch jene der insektenhaften Fella auf Erika Neubauer. Dafür zeichneten sich auffallende Ähnlichkeiten zwischen Erika Neubauer und Angelika Trapp ab.
Erika Neubauer, Modell für Angelika Trapp
Die Romanfigur Angelika Trapp ist Studentin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stolzer Besitzer eines Autos mit Chauffeur. Sie ist mit dem Historiker Hans Neuberg verlobt, doch dieser trennt sich von ihr und Angelika Trapp heiratet stattdessen den erfolgreichen Dulnik, Klient ihres Vaters und Direktor einer Papierfabrik. Dass Hans Neuberg jüdischen Ursprungs war, Dulnik aber nicht, spielte in den „Dämonen der Ostmark“ noch eine entscheidende Rolle.
Das Modell für Angelika Trapp, Erika Neubauer bzw. Erika Veik, so ihr Mädchenname, unter dem Doderer sie kennen gelernt haben musste, kam 1924 mit 19 Jahren von der nordmährischen, ehemals österreichisch-schlesischen Stadt Troppau, wo sie mit ihren Eltern Arthur und Helene Veik gelebt hatte, zum Studium der Kunstgeschichte nach Wien. Dort lebte sie bei ihrer Tante Tusnelda von Gutenberg in der Landstraße. Ihr Vater, Rechtsanwalt von Beruf, war eine bekannte auch kulturell aktive Persönlichkeit. Er besaß, wie die Romanfigur, ein Auto, das von einem Chauffeur gefahren wurde. Der Großvater, so die Töchter von Erika Neubauer, soll Namensgeber in Doderers “Ein Mord den jeder begeht” gewesen sein. Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen den Vornamen Erika und Angelika sowie dem Namen Troppau, als Ort, in dem Erika ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und dem Familienennamen Trapp von Angelika. Erika Veik war, lange vor ihrer Ehe, mit Hans Neufeld verlobt gewesen; an sein Foto, das die Mutter sichtbar aufbewahrt hatte, erinnerte sich Frau Dr. Rosenauer. Eine Ehe mit dem Fabriksbesitzer Edgar Förster war geplant, doch kam sie nicht zustande und Erika Veik heiratete Mitte der 1930er Jahre Herrn Neubauer.
Ein herzliches Dankeschön an Frau Holecek, Frau Dr. Rosenauer und Herrn Prof. Dr. Rosenauer für eine gemütliche Jause in ihrem wunderschönen Haus in Wien, ihre Bereitschaft, humorvoll und spannend ihre Erinnerungen mit mir zu teilen und dafür, dass ich das Foto von Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater für die Homepage der Doderer Gesellschaft ablichten durfte.
Alexandra Kleinlercher
Antwort auf A. Kleinlerchers Kritik
Mittwoch, Juni 13th, 2007(bezieht sich auf “Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben”)
Das, was ich in meinem Artikel im Absatz 2 angekündigt habe, ist prompt eingetreten: …”Er (Doderer) ist also einer jener österreichischen Autoren, deren literarische Schaffensperiode in dieses verflossene Jahrhundert der Ideologien fällt und bei
denen daher die Gefahr besteht, dass die sachliche Annäherung an ihr Werk von der moralischen Beurteilung ihrer Person überlagert wird, besonders wenn es um die Literatur in der NS-Zeit geht.”
Es war mir ein Anliegen, einen Überblick über das Leben und Schaffen Doderer’s zu geben, ergänzt durch Informationen Haybachs (Abs.3), ich habe in keiner Passage Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit der Darstellung seiner wechselhaften Lebensabschnitte erhoben. Kennzeichnend für den mir übersandten kritischen Artikel von Dr. Kleinlercher ist
1) dass er sich fast ausschließlich auf die NS-Zeit bezieht (siehe oben) und alle anderen Informationen (Riegelhof, 1. Weltkrieg, russische Gefangenschaft, Nachkriegszeit usw.) scheinbar ignoriert,
2) dass die Schreiberin zugibt, dass es laut Dokumenten nicht ganz einfach zu eruieren ist, wer nun wirklich Trauzeuge für wen bei dieser Hochzeit war (ich habe lediglich auf die Information von Haybach hingewiesen und halte es für überflüssig, über so eine Nebensächlichkeit langmächtig zu polemisieren). Ich habe den Lebenslauf Doderer’s nur aus einem Grund aufgerollt: Um aus Anlass seines 110. Geburtstages und seines 40. Todestages einem interessierten Leserkreis anhand detaillierter Darstellungen aus einzelnen Lebenssituationen Doderer’s Werk und die darin verpackten autobiographischen Momente zugänglicher zu machen (siehe „Zaunkönig“, S.15, Abs.5).
3) Loew-Cadonna erwähnt in seinem Kommentar auf S 71: „Im Frühjahr 1933 trat Doderer der (in Österreich damals verbotenen) NSDAP bei“. Nun gut, 1.4.33, Verbot: 19.6.33, ich nehme diesen Hinweis gerne zur Kenntnis, vermerke aber, dass die Zeitangabe „im Frühjahr 1933“ auch vor allem als Mittel zur Textstraffung anzusehen ist.
4) Die Erwähnung, dass Gusti Hasterlik Jüdin war, ist weder falsch noch in irgendeiner Weise polemisch gemeint. Diese von mir in keinster Weise abwertend verwendete Feststellung kann auch nicht als „damals aufoktruierte Fremdbestimmung’ in eine heutige Diskussion einfach hineininterpretiert werden, das hat Loew-Cadonna auf Seite 72 sehr wohl dargestellt, indem er über Doderer schreibt: „… (der unmittelbar nach dem Ehedesaster, in typisch weit ausholender Projektion sich in seinem Antisemitismus bestätigt fühlte). Während seiner Ernüchterung in Sachen Nazi-Deutschland nahm er wiederum Anlass, der These von den schicksalslogischen Ab- und Irrläufen neuen Auftrieb zu verleihen…“. Ich habe weder versucht, Doderer’s NS-Vergangenheit zu beschönigen noch diese n u r auf seine gescheiterte Beziehung zu Gusti Hasterlik zurückzuführen. Sollte dennoch für irgendjemand dieser Eindruck entstehen, tut es mir leid. Dass sie eine Rolle dabei gespielt habe, aus der damaligen allgemeinen Situation heraus, möge man nicht abstreiten.
5) Dem einen Autor (Martin Mosebach) einen fehlerhaften und verzerrten und in einem Atemzug mir gar keinen Bezug zu Wolfgang Fleischer’s Doderer-Biographie vorzuwerfen, lasse ich insofern nicht gelten, als ja mein Beitrag zum Doderer-Gedenken ausdrücklich als zusätzliche Information zu allen bisherigen verstanden werden sollte, was ich auch in meinem Artikel im Abs.3 zu Beginn deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Die Absenderin der Kritik geht in keiner Weise auf andere Informationen, z.B. die russische Kriegsgefangenschaft, ein.
6) Doderer’s Beitritt zur Reichsschrifttumskammer diente natürlich dem Zweck, veröffentlichen zu können. Ein Schriftsteller, der nicht veröffentlichen kann, ist isoliert, was sollte an meiner Formulierung ‚Durchbrechung der Isolation’ falsch sein?
7) Ich kann nicht umhin, die in manchem sicher berechtigten Kritikpunkte zum größten Teil aber als überspitzt und einzig und allein auf die NS-Zeit fokussiert aufzufassen. Meine Formulierung: “…Doderer hat dies ein Leben lang bereut und bezeichnete es später als ‘barbarischen Irrtum’” ist natürlich nicht spezifisch auf die Mitgliedschaft bei der Reichsschrifttumskammer gemünzt und hätte auch von der Kritikerin bei mehr Wohlwollen meinen Ausführungen gegenüber ohne weiteres auch etwas weitgreifender interpretiert werden können.
Ich habe in der Zwischenzeit die Web-Seite der Doderer-Gesellschaft nach Aktivitäten durchgesehen außer dem genannten Beitrag über meinen Artikel, mit dem ich ausschließlich die positive Absicht bekundete, meinen Beitrag zu leisten, Doderer’s Werk in Erinnerung zu rufen, zu würdigen, es für den wissenschaftlich nicht unmittelbar Befassten lesbarer zu machen und ein paar weniger beachtete Passagen aus seinem Leben zu erwähnen. Auch, um die Rolle Haybachs vor allem in den schriftstellerischen Anfängen Doderer’s einmal zu würdigen. Dies wird in der Kritik überhaupt nicht erwähnt.
Schließlich habe ich gesehen, dass die Doderer-Gesellschaft das Werk von Schmidt-Dengler/Loew-Cadonna als Einführung nach wie vor anpreist, ich werde genau dafür kritisiert, weil ich Passagen daraus übernommen habe. Das, was man mir unterstellt, wird betrieben: Polemik.
Alles in allem: Wenn diese Diskussion über Formulierungen das Interesse der Zaunkönig-Leser für das Werk Doderer’s, des großen Formulierungskünstlers, zu stimulieren vermag, soll’s mir recht sein!
Christine Korntner, Wien
