Archiv für die Kategorie 'Die Dämonen'

Ein Gang durch London auf Doderers Spuren

Montag, November 23rd, 2009

Ein Gang durch London auf Doderers Spuren im Mai 2009.
Robert Walter (Photos), Gerald Sommer (Photo- und Textauswahl), David Ramirer (Layout).

Photos in Orginalgröße finden Sie hier

Die Red.

Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Dienstag, November 20th, 2007

Worum es ging

1958 hatte die in erster Ehe mit Heimito von Doderer verheiratete Gusti Hasterlik in die USA, wo sie seit Ende 1938 lebte, einen Brief von ihrer Freundin Erika Neubauer aus Wien bekommen. In diesem schrieb Erika Neubauer von Doderers literarischem Erfolg und dass sie sich in einer Romanfigur seiner Dämonen erkannt hatte („Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann.“) – ohne dabei aber den Namen der Figur zu nennen. (Siehe Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”)

Auf der Suche

Erika Neubauer hatte mehrere Briefe an Gusti Hasterlik geschrieben, in denen auch die Rede von ihren drei Töchtern war. Gusti Hasterliks Nichte Giulia Hine machte sich auf die Suche nach den Töchtern – und fand sie. Zunächst über den ebenfalls in den Briefen als Freund und späteren Ehemann von Erikas Tochter Bärbel erwähnten Opernsänger Heinz Holecek und schließlich über den Absender auf Erika Neubauers Briefen. Die Adresse in Wien Pötzleinsdorf ist seit damals, wie sich herausstellte, dieselbe geblieben.

Die Töchter Bärbel Holecek und Dr. Monika Rosenauer hatten mir in Wien von ihrer Mutter Erika Neubauer, ihren Erinnerungen an Dodo Dressel und an Gusti Hasterliks Besuche bei ihrer Mutter in Wien nach dem Krieg erzählt. Prof. Dr. Artur Rosenauer schloss in diese Erzählungen auch Heimito von Doderer ein, den er, (ebenfalls Absolvent und seit 1962 Mitglied des Institutes) wiederholt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung gesehen hatte. Doderer dürfte dort für seine Romane recherchiert haben.

Mit Martin Voraceks Doktorarbeit “Rand der Wissenschaft, Beginn des Magischen. Eine literar-onomastische Studie zu den Figurennamen im Werk Heimito von Doderers” und den Erzählungen der Töchter Erika Neubauers konnte ich den in Frage kommenden Personenkreis auf Dolly Storch, Fella Storch und Angelika Trapp einschränken.

Gefunden

Bei nachfolgenden Telefongesprächen mit Dr. Rosenauer wurde deutlich: Weder passte die Beschreibung der molligen Dolly, noch jene der insektenhaften Fella auf Erika Neubauer. Dafür zeichneten sich auffallende Ähnlichkeiten zwischen Erika Neubauer und Angelika Trapp ab.

Erika Neubauer, Modell für Angelika Trapp

Die Romanfigur Angelika Trapp ist Studentin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stolzer Besitzer eines Autos mit Chauffeur. Sie ist mit dem Historiker Hans Neuberg verlobt, doch dieser trennt sich von ihr und Angelika Trapp heiratet stattdessen den erfolgreichen Dulnik, Klient ihres Vaters und Direktor einer Papierfabrik. Dass Hans Neuberg jüdischen Ursprungs war, Dulnik aber nicht, spielte in den „Dämonen der Ostmark“ noch eine entscheidende Rolle.

Das Modell für Angelika Trapp, Erika Neubauer bzw. Erika Veik, so ihr Mädchenname, unter dem Doderer sie kennen gelernt haben musste, kam 1924 mit 19 Jahren von der nordmährischen, ehemals österreichisch-schlesischen Stadt Troppau, wo sie mit ihren Eltern Arthur und Helene Veik gelebt hatte, zum Studium der Kunstgeschichte nach Wien. Dort lebte sie bei ihrer Tante Tusnelda von Gutenberg in der Landstraße. Ihr Vater, Rechtsanwalt von Beruf, war eine bekannte auch kulturell aktive Persönlichkeit. Er besaß, wie die Romanfigur, ein Auto, das von einem Chauffeur gefahren wurde. Der Großvater, so die Töchter von Erika Neubauer, soll Namensgeber in Doderers “Ein Mord den jeder begeht” gewesen sein. Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen den Vornamen Erika und Angelika sowie dem Namen Troppau, als Ort, in dem Erika ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und dem Familienennamen Trapp von Angelika. Erika Veik war, lange vor ihrer Ehe, mit Hans Neufeld verlobt gewesen; an sein Foto, das die Mutter sichtbar aufbewahrt hatte, erinnerte sich Frau Dr. Rosenauer. Eine Ehe mit dem Fabriksbesitzer Edgar Förster war geplant, doch kam sie nicht zustande und Erika Veik heiratete Mitte der 1930er Jahre Herrn Neubauer.

Ein herzliches Dankeschön an Frau Holecek, Frau Dr. Rosenauer und Herrn Prof. Dr. Rosenauer für eine gemütliche Jause in ihrem wunderschönen Haus in Wien, ihre Bereitschaft, humorvoll und spannend ihre Erinnerungen mit mir zu teilen und dafür, dass ich das Foto von Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater für die Homepage der Doderer Gesellschaft ablichten durfte.

Alexandra Kleinlercher

Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Montag, Februar 26th, 2007

An alle Doderer “Dämonen” Leser und Leserinnen:
Welche Romanfigur könnte Gusti Hasterliks Bekannte Erika Neubauer in “Die Dämonen” gewesen sein?

Bei der Übersetzung eines Briefs von Erika Neubauer an Gusti Hasterlik vom 15.1.1958 stieß Giulia Hine, Gusti Hasterliks Nichte, kürzlich auf folgende Stelle:

“Ich wüsste doch so gerne, was Sie zu den “Dämonen” sagen. Wie war ich durch dieses Buch eigentlich den ganzen Sommer auf Ihren Spuren und immer wieder in der Erinnerung bei Ihnen und jener Zeit. Hier ist es ein grosser Erfolg und H. war ja für den Literaturpreis
vorgeschlagen, den dann Camus bekam. Ich bewundere daran unter anderem die unbeschreibliche Arbeit, die der Mann geleistet hat. Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann. Ich wünschte manches gestrichen, bin aber ehrlich verblüfft über den Schritt von den einstigen Werken zu diesem, vor allem in der tollen Formulierung. Aber es gibt Momente, wo man sich einfach nach einem “warmen” Wort oder Gefühl in dem ganzen Buch sehnt. Gott, wüsste ich gerne, was Sie sagen aber das muss für Sie wohl kaum ausdrückbar sein.”
(Hine Collection, Institute on World War II and the Human Experience, Florida State University (FSU), item 5332, 1958/01/15, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste]; Tippfehler wurden korrigiert)

Für wen könnte Erika Neubauer in den “Dämonen” Modell gewesen sein?
Erika Neubauer ist 1905 geboren, war zur Zeit der Romanhandlung Anfang 20, und lebte, auch während des 2. Weltkriegs, in Wien. Sie war Kunsthistorikerin, dürfte sich viel in Musikerfreundeskreisen bewegt haben und kannte Otto (Dodo) von Dressel-Uylefeldt (19.1.1896 - 1947), der in den “Dämonen” als Rittmeister Freiherr von Eulenfeld als Anführer des gerne feiernden und trinkenden “Troupeau” auftritt und zu den “Unsrigen” gehört. Über Otto Dressel schreibt Erika Neubauer am 4.10.1947 an Gusti Hasterlik:

“The children and I had been evacuated to St. Wolfgang where we met Pia Hartungen and Dodo Dressl [sic] who had lived there for 2 years already. During the very long winter nights we often talked about our common friends and past times which brought the conversation to you.
Dodo is doing very badly, he is a walking corpse. Due to his asthma he can hardly walk. His cigarettes and alcohol consumption have decimated him totally. Nobody will give him a job and because he is German he is being threatened with deportation. He does not know what he could live on. All of it is so very sad and slowly his famous humor is fading away too.”
(Ebda, item 4041, 1947/10/04, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste], Übersetzung Giulia Hine)

Für Hinweise welche Figur Erika Neubauer in den “Dämonen” sein könnte, wäre Giulia Hine dankbar. Hat jemand von Euch / Ihnen eine Liste der Figuren, die in den Dämonen vorkommen? Das würde eine Suche nach Erika Neubauer erleichtern.

Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater
Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater

Mit besten Dank für Eure / Ihre Mithilfe beim Suchen
Sandra Kleinlercher im Namen von Giulia Hine

Mosebachs Doderer und sein Schöpfen aus “unreiner Quelle”

Donnerstag, Februar 8th, 2007

“Zu den ‘Commentarii’ des Heimito von Doderer”, so lautet der Untertitel von Martin Mosebachs 73-Seiten Buch “Die Kunst des Bogenschießens und der Roman”, doch über diese, Doderers Tagebücher von 1951 bis 1966, ist darin nur wenig zu erfahren. Dafür äußert er sich auf knapp eineinhalb Seiten abschätzig über Wolfgang Fleischers Buch “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer”: “[N]icht weniger als eine Verleumdung“ sei es, im Falle Doderers „von einem ‘verleugneten Leben’” zu sprechen, schreibt Mosebach (S. 18).

Doch für Doderer selbst galt: “Ein Schriftsteller hat keine Biographie” und so sahen es auch Freunde Doderers, etwa Marie-Louise Reiter: “Ich fürchte, wir alle haben nicht genug Abstand zu ihm [HvD] uns erscheinen seine Unechtheiten, seine Verkrampftheit, sein Geltungstrieb und seine Verschrobenheit wichtig, sie sind es bestimmt nicht, denn gelten darf bei ihm, so sagt er selbst es auch immer, sein Werk und das ist großartig.” (Brief vom 14. 10. 1956 an Auguste Hasterlik in: Hine Collection, FSU, item 5417.)

Was wirft er Wolfgang Fleischer vor? Eine sachliche Kritik findet sich bei Martin Mosebach nicht. Er stellt eine Reihe von Behauptungen auf, ohne diesen konkrete Beispiele folgen zu lassen: “Abneigung” und “Haß”, auch Abscheu unterstellt er Fleischer, obwohl dieser vom “Dichter” “nur Gutes” erfahren habe. Es sei eine der “giftigsten” Biographien, doch Doderer würde “in jeder Zeile seines Werks die ihm nachgesagte Verlogenheit und Niedertracht” widerlegen. Da Mosebach Fleischers Doderer-Biographie selbst als Grundlage seiner Ausführungen nimmt, gesteht er ihr “Gründlichkeit” und “Detailliertes über Doderer” zu, doch habe er nur mit “Widerwillen” aus “dieser unreinen Quelle“ geschöpft (S. 16ff).

Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie ist kritisch, gibt dabei aber ein differenziertes Bild von Doderer. Auch, dass er, als dessen ehemaliger Sekretär, Doderer mochte, bleibt einem genauen Leser nicht verborgen. Doch Mosebach ist kein genauer Leser. In seinem Buch finden sich zahlreiche Fehler, auch solche, die Fleischer in seiner Doderer-Biographie korrigiert hat, etwa, dass Doderer 1933 in Österreich Mitglied der “illegalen [sic] Auslands-NSDAP” geworden sei (S. 22). (Als Doderer im April 1933 der NSDAP in Österreich beitrat, war sie noch legal. Es war auch keine “Auslands”-Partei: 1903/1904 wurde die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) im Habsburgerreich gegründet, 1918 in DNSAP umbenannt, aus der sich 1926 die NSDAP abspaltete.)

Worum geht es Martin Mosebach eigentlich? Das lässt sich unschwer zwischen den Zeilen lesen: Doderers NS-Sympathien sollen bagatellisiert werden. In einer Gegenüberstellung von Doderer und Gütersloh schreibt er bei Doderer von einer “höchstens virtuellen NSDAP-Mitgliedschaft” (”von geradezu federleichter Irrealität” heißt es zuvor auf S. 22), während Gütersloh ein “echter Nazi” gewesen sei (S. 38). Doderer war also gegenüber Gütersloh ‘nur’ Mitglied. Wozu dieser Gegensatz, wenn nicht, um Doderer bei dieser Bewertung besser aussteigen zu lassen. Dass beide die NS-Begeisterung geteilt und eine ähnlich antidemokratisch, hierarchisch geprägte Weltanschauung hatten, geht aus Fleischers Doderer-Biographie hervor; dass Gütersloh auch Opfer des NS-Regimes war (Entlassung, Berufsverbot als Maler und Schriftsteller, Arbeitsdienst), lässt Mosebach, da es seiner Argumentation wohl nicht dienlich ist, unter den Tisch fallen.

Was Mosebach nicht ins Konzept passt, wird weggelassen. Etwa als er Überlegungen zum Titel von Doderers Roman “Die Dämonen” anstellt (S. 31f). Er geht dafür zwar auf den ersten Arbeitstitel “Dicke Damen” ein, erwähnt aber den späteren, “Die Dämonen der Ostmark”, nicht. Dieser Arbeitstitel (und der Inhalt dieses zunächst antisemitisch geprägten Romanprojekts) könnten Mosebachs Aussage “Doderer hat keine Zeile geschrieben, die dem Nazitum verpflichtet gewesen wäre” (S. 22) zumindest relativieren.

Mosebach sagt über Doderers “Dämonen”, diese “mit den Augen der Liebe gelesen zu haben”. Er schreibt: “Liebe macht bekanntlich oft blind, manchmal aber auch sehend, sogar hellsichtig” (S. 29). Letzteres ist ihm nicht vergönnt.

Alexandra Kleinlercher