Archiv für die Kategorie 'Commentarii'

Ein Gang durch London auf Doderers Spuren

Montag, November 23rd, 2009

Ein Gang durch London auf Doderers Spuren im Mai 2009.
Robert Walter (Photos), Gerald Sommer (Photo- und Textauswahl), David Ramirer (Layout).

Photos in Orginalgröße finden Sie hier

Die Red.

Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben

Donnerstag, März 15th, 2007

Überlegungen ausgehend von Christine Korntners Artikel „Heimito von Doderer - Spiegelbilder eines Schriftstellerlebens“ (Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, Nr. 1/2007, S. 15-24)

Wer über das Leben von Heimito von Doderer schreibt, muss sich, wie bei jeder Biographie, der ständigen Gefahr bewusst sein, mit fehlerhaften Informationen zu arbeiten. Diese können aus den Erinnerungen des Schriftstellers, seiner Zeitgenossen/innen oder aus Dokumenten stammen, seien sie nun gewollt oder ungewollt. Zusätzlich ist niemand vor eigenen Fehlinterpretationen gefeit. Mit diesem Bewusstsein gewappnet, können durch genaue Recherchen manche Fehler vermieden werden. Wichtig ist Offenheit, um nötigenfalls das Bild, das sich der/die Biograph/in vom Autor gemacht hatte, zu korrigieren.

Das mag für den zehnseitigen Artikel von Christine Korntner etwas zu anspruchsvoll sein. Problematisch an ihrem Beitrag ist aber, dass darin alte Fehler wieder auftreten, von denen man hoffen konnte, sie wären mit dem Buch von Wolfgang Fleischer “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer” (Wien 1996) endgültig korrigiert worden. Selbst Martin Mosebach (Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den „Commentarii“ des Heimito von Doderer, München 2006) musste Wolfgang Fleischer, wenn auch widerwillig, zugestehen, dass auf dessen Doderer-Biographie nicht zu verzichten sei (S. 16f) - allerdings bediente er sich dieser in verzerrter und fehlerhafter Form. Christine Korntner verwendete sie hingegen gar nicht.

Während Wolfgang Fleischer gegen die Doderer-Legenden schrieb, greift Christine Korntner diese wieder auf, indem sie die Aussagen von Doderers Freund Rudolf Haybach übernimmt. Nur einmal schreibt sie zu Recht vorsichtig, Rudolf Haybach sei „nach eigenen Angaben Doderers Trauzeuge“ gewesen (S.20). Tatsächlich war, laut „Eheschein“, Ernst Scharmitzer Doderers Trauzeuge. (Scharmitzers Name steht allerdings unter jenem von Gusti Hasterlik, als wäre er ihr Trauzeuge gewesen, während der Freund der Familie Hasterlik, Walter Störk, als Trauzeuge unter Doderers Namen aufscheint. Vgl. Hine Collection, FSU, item 0504, 1938/10/28).

Erschreckend sind für mich die Interpretation und die Formulierung von Christine Korntner über die angeblichen Folgen der gescheiterten Ehe von Heimito von Doderer und Gusti Hasterlik:

„Aus dieser traumatischen gescheiterten Beziehung zu einer Jüdin [gemeint ist Gusti Hasterlik] heraus trat Doderer im Frühjahr 1933 der damals verbotenen NSDAP bei, und es kann dies, ohne es entschuldigen zu wollen, auch als Projektion gesehen werden, weil er sich in seinem durch das eheliche Desaster ausgelösten kurzfristigen Antisemitismus bestätigt fühlte.“ (S. 20)

Das liest sich so, als läge es in der Verantwortung einer „Jüdin“, dass Doderer 1933 der NSDAP beigetreten sei, als wäre Gusti Hasterlik schuld an Doderers Antisemitismus, als hätte sie ihn in die Arme der NSDAP getrieben. Es liest sich für mich wie eine Täter-Opfer-Umkehrung. Dieser Eindruck wird durch die Wahl des Zwischentitels „Irrwege privat und politisch“ (S. 19) nur noch verstärkt, in dem der private Irrweg, gemeint ist Gusti Hasterlik, mit dem politischen, Doderers NSDAP-Mitgliedschaft, verbunden wird. Korntner gibt zwar am Ende des Absatzes als Quelle Heimito von Doderer 1896-1966. Selbstzeugnisse zu Leben und Werk (München 1995) von Martin Loew-Cadonna an, doch findet sich die Aussage bei ihm in dieser Form nicht.

Schon die Bezeichnung „Jüdin“ für Gusti Hasterlik ist nicht unproblematisch, da es sich dabei nicht um eine Selbstbezeichnung, sondern um eine damals aufoktroyierte Fremdbestimmung handelt. Doderer selbst hatte den Beginn seines Antisemitismus auch nicht mit Gusti Hasterlik angesetzt, sondern verortete diesen schon im Umfeld seiner Kindheit (Commentarii 1951-1956, 3.4.1952, S. 117f). Antisemitische Äußerungen finden sich in seinen Tagebüchern schon Anfang der 1920er Jahre und nicht erst seit dem Scheitern seiner Ehe. Auch seine NS-Sympathien können nicht mit seinem Beitritt zur NSDAP 1933 datiert werden. Diese gehen vermutlich bis auf das Jahr 1927 zurück. (Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben, S. 191.) Christine Korntners Ausdruck vom „kurzfristigen Antisemitismus“ Doderers ist äußerst schwammig und ihre folgenden (zum Teil übernommenen) Angaben sind falsch: dass die NSDAP zum Zeitpunkt von Doderers Beitritt verboten war (Doderer trat der NSDAP am 1.4.1933 bei, verboten wurde sie in Österreich am 19.6.1933), oder dass Doderer Mitglied der Reichsschrifttumskammer (RSK) wurde, „um seine Isolation zu durchbrechen“ (er tat es, um veröffentlichen zu können). Es war auch nicht seine Mitgliedschaft bei der RSK, die er als „barbarischen Irrtum“ bezeichnete und „sein Leben lang bereut[e]“. Falsch ist schließlich, dass sich Doderer nach dem „Anschluss“ 1938 „nicht mehr als NSDAP-Mitglied führen“ ließ (alle Zitate S. 20). All das ist seit der Veröffentlichung von Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie 1996 bekannt und sollte, wenn man über Doderers Leben schreibt, berücksichtigt werden.

Alexandra Kleinlercher

Mosebachs Doderer und sein Schöpfen aus “unreiner Quelle”

Donnerstag, Februar 8th, 2007

“Zu den ‘Commentarii’ des Heimito von Doderer”, so lautet der Untertitel von Martin Mosebachs 73-Seiten Buch “Die Kunst des Bogenschießens und der Roman”, doch über diese, Doderers Tagebücher von 1951 bis 1966, ist darin nur wenig zu erfahren. Dafür äußert er sich auf knapp eineinhalb Seiten abschätzig über Wolfgang Fleischers Buch “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer”: “[N]icht weniger als eine Verleumdung“ sei es, im Falle Doderers „von einem ‘verleugneten Leben’” zu sprechen, schreibt Mosebach (S. 18).

Doch für Doderer selbst galt: “Ein Schriftsteller hat keine Biographie” und so sahen es auch Freunde Doderers, etwa Marie-Louise Reiter: “Ich fürchte, wir alle haben nicht genug Abstand zu ihm [HvD] uns erscheinen seine Unechtheiten, seine Verkrampftheit, sein Geltungstrieb und seine Verschrobenheit wichtig, sie sind es bestimmt nicht, denn gelten darf bei ihm, so sagt er selbst es auch immer, sein Werk und das ist großartig.” (Brief vom 14. 10. 1956 an Auguste Hasterlik in: Hine Collection, FSU, item 5417.)

Was wirft er Wolfgang Fleischer vor? Eine sachliche Kritik findet sich bei Martin Mosebach nicht. Er stellt eine Reihe von Behauptungen auf, ohne diesen konkrete Beispiele folgen zu lassen: “Abneigung” und “Haß”, auch Abscheu unterstellt er Fleischer, obwohl dieser vom “Dichter” “nur Gutes” erfahren habe. Es sei eine der “giftigsten” Biographien, doch Doderer würde “in jeder Zeile seines Werks die ihm nachgesagte Verlogenheit und Niedertracht” widerlegen. Da Mosebach Fleischers Doderer-Biographie selbst als Grundlage seiner Ausführungen nimmt, gesteht er ihr “Gründlichkeit” und “Detailliertes über Doderer” zu, doch habe er nur mit “Widerwillen” aus “dieser unreinen Quelle“ geschöpft (S. 16ff).

Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie ist kritisch, gibt dabei aber ein differenziertes Bild von Doderer. Auch, dass er, als dessen ehemaliger Sekretär, Doderer mochte, bleibt einem genauen Leser nicht verborgen. Doch Mosebach ist kein genauer Leser. In seinem Buch finden sich zahlreiche Fehler, auch solche, die Fleischer in seiner Doderer-Biographie korrigiert hat, etwa, dass Doderer 1933 in Österreich Mitglied der “illegalen [sic] Auslands-NSDAP” geworden sei (S. 22). (Als Doderer im April 1933 der NSDAP in Österreich beitrat, war sie noch legal. Es war auch keine “Auslands”-Partei: 1903/1904 wurde die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) im Habsburgerreich gegründet, 1918 in DNSAP umbenannt, aus der sich 1926 die NSDAP abspaltete.)

Worum geht es Martin Mosebach eigentlich? Das lässt sich unschwer zwischen den Zeilen lesen: Doderers NS-Sympathien sollen bagatellisiert werden. In einer Gegenüberstellung von Doderer und Gütersloh schreibt er bei Doderer von einer “höchstens virtuellen NSDAP-Mitgliedschaft” (”von geradezu federleichter Irrealität” heißt es zuvor auf S. 22), während Gütersloh ein “echter Nazi” gewesen sei (S. 38). Doderer war also gegenüber Gütersloh ‘nur’ Mitglied. Wozu dieser Gegensatz, wenn nicht, um Doderer bei dieser Bewertung besser aussteigen zu lassen. Dass beide die NS-Begeisterung geteilt und eine ähnlich antidemokratisch, hierarchisch geprägte Weltanschauung hatten, geht aus Fleischers Doderer-Biographie hervor; dass Gütersloh auch Opfer des NS-Regimes war (Entlassung, Berufsverbot als Maler und Schriftsteller, Arbeitsdienst), lässt Mosebach, da es seiner Argumentation wohl nicht dienlich ist, unter den Tisch fallen.

Was Mosebach nicht ins Konzept passt, wird weggelassen. Etwa als er Überlegungen zum Titel von Doderers Roman “Die Dämonen” anstellt (S. 31f). Er geht dafür zwar auf den ersten Arbeitstitel “Dicke Damen” ein, erwähnt aber den späteren, “Die Dämonen der Ostmark”, nicht. Dieser Arbeitstitel (und der Inhalt dieses zunächst antisemitisch geprägten Romanprojekts) könnten Mosebachs Aussage “Doderer hat keine Zeile geschrieben, die dem Nazitum verpflichtet gewesen wäre” (S. 22) zumindest relativieren.

Mosebach sagt über Doderers “Dämonen”, diese “mit den Augen der Liebe gelesen zu haben”. Er schreibt: “Liebe macht bekanntlich oft blind, manchmal aber auch sehend, sogar hellsichtig” (S. 29). Letzteres ist ihm nicht vergönnt.

Alexandra Kleinlercher

Aktuelle Neuerscheinung: Mosebach, Die Kunst des Bogenschießens und der Roman

Sonntag, Februar 4th, 2007

Martin Mosebach: Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den »Commentarii« des Heimito von Doderer. München: Carl Friedrich von Siemens Stiftung 2006 (Reihe: »Themen«; 84). Der Band enthält zahlreiche Photos, Faksimiles und eine Einleitung von Michael Maar. Die Publikation ist nicht im Buchhandel erhältlich, kann aber direkt bei der Carl Friedrich von Siemens Stiftung kostenfrei bezogen werden.