Mosebachs Doderer und sein Schöpfen aus “unreiner Quelle”
Donnerstag, Februar 8th, 2007“Zu den ‘Commentarii’ des Heimito von Doderer”, so lautet der Untertitel von Martin Mosebachs 73-Seiten Buch “Die Kunst des Bogenschießens und der Roman”, doch über diese, Doderers Tagebücher von 1951 bis 1966, ist darin nur wenig zu erfahren. Dafür äußert er sich auf knapp eineinhalb Seiten abschätzig über Wolfgang Fleischers Buch “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer”: “[N]icht weniger als eine Verleumdung“ sei es, im Falle Doderers „von einem ‘verleugneten Leben’” zu sprechen, schreibt Mosebach (S. 18).
Doch für Doderer selbst galt: “Ein Schriftsteller hat keine Biographie” und so sahen es auch Freunde Doderers, etwa Marie-Louise Reiter: “Ich fürchte, wir alle haben nicht genug Abstand zu ihm [HvD] uns erscheinen seine Unechtheiten, seine Verkrampftheit, sein Geltungstrieb und seine Verschrobenheit wichtig, sie sind es bestimmt nicht, denn gelten darf bei ihm, so sagt er selbst es auch immer, sein Werk und das ist großartig.” (Brief vom 14. 10. 1956 an Auguste Hasterlik in: Hine Collection, FSU, item 5417.)
Was wirft er Wolfgang Fleischer vor? Eine sachliche Kritik findet sich bei Martin Mosebach nicht. Er stellt eine Reihe von Behauptungen auf, ohne diesen konkrete Beispiele folgen zu lassen: “Abneigung” und “Haß”, auch Abscheu unterstellt er Fleischer, obwohl dieser vom “Dichter” “nur Gutes” erfahren habe. Es sei eine der “giftigsten” Biographien, doch Doderer würde “in jeder Zeile seines Werks die ihm nachgesagte Verlogenheit und Niedertracht” widerlegen. Da Mosebach Fleischers Doderer-Biographie selbst als Grundlage seiner Ausführungen nimmt, gesteht er ihr “Gründlichkeit” und “Detailliertes über Doderer” zu, doch habe er nur mit “Widerwillen” aus “dieser unreinen Quelle“ geschöpft (S. 16ff).
Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie ist kritisch, gibt dabei aber ein differenziertes Bild von Doderer. Auch, dass er, als dessen ehemaliger Sekretär, Doderer mochte, bleibt einem genauen Leser nicht verborgen. Doch Mosebach ist kein genauer Leser. In seinem Buch finden sich zahlreiche Fehler, auch solche, die Fleischer in seiner Doderer-Biographie korrigiert hat, etwa, dass Doderer 1933 in Österreich Mitglied der “illegalen [sic] Auslands-NSDAP” geworden sei (S. 22). (Als Doderer im April 1933 der NSDAP in Österreich beitrat, war sie noch legal. Es war auch keine “Auslands”-Partei: 1903/1904 wurde die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) im Habsburgerreich gegründet, 1918 in DNSAP umbenannt, aus der sich 1926 die NSDAP abspaltete.)
Worum geht es Martin Mosebach eigentlich? Das lässt sich unschwer zwischen den Zeilen lesen: Doderers NS-Sympathien sollen bagatellisiert werden. In einer Gegenüberstellung von Doderer und Gütersloh schreibt er bei Doderer von einer “höchstens virtuellen NSDAP-Mitgliedschaft” (”von geradezu federleichter Irrealität” heißt es zuvor auf S. 22), während Gütersloh ein “echter Nazi” gewesen sei (S. 38). Doderer war also gegenüber Gütersloh ‘nur’ Mitglied. Wozu dieser Gegensatz, wenn nicht, um Doderer bei dieser Bewertung besser aussteigen zu lassen. Dass beide die NS-Begeisterung geteilt und eine ähnlich antidemokratisch, hierarchisch geprägte Weltanschauung hatten, geht aus Fleischers Doderer-Biographie hervor; dass Gütersloh auch Opfer des NS-Regimes war (Entlassung, Berufsverbot als Maler und Schriftsteller, Arbeitsdienst), lässt Mosebach, da es seiner Argumentation wohl nicht dienlich ist, unter den Tisch fallen.
Was Mosebach nicht ins Konzept passt, wird weggelassen. Etwa als er Überlegungen zum Titel von Doderers Roman “Die Dämonen” anstellt (S. 31f). Er geht dafür zwar auf den ersten Arbeitstitel “Dicke Damen” ein, erwähnt aber den späteren, “Die Dämonen der Ostmark”, nicht. Dieser Arbeitstitel (und der Inhalt dieses zunächst antisemitisch geprägten Romanprojekts) könnten Mosebachs Aussage “Doderer hat keine Zeile geschrieben, die dem Nazitum verpflichtet gewesen wäre” (S. 22) zumindest relativieren.
Mosebach sagt über Doderers “Dämonen”, diese “mit den Augen der Liebe gelesen zu haben”. Er schreibt: “Liebe macht bekanntlich oft blind, manchmal aber auch sehend, sogar hellsichtig” (S. 29). Letzteres ist ihm nicht vergönnt.
Alexandra Kleinlercher