Archiv für die Kategorie 'Person'

Sammler aufgepasst: Tagebuch von Doderers Mutter steht zum Verkauf

Freitag, Januar 18th, 2008

Das ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) bietet um schlappe EUR 1.800 ein Tagebuch von Willy von Hügel, der Mutter Heimito von Doderers, feil: “Eigenh. ‘Brauttagebuch’ während ihrer Verlobungszeit mit Wilhelm Ritter von Doderer, Einträge von Dezember 1879 bis Juni 1880. 52 Blatt, zweiseitig beschrieben, 3 Seiten leer, 8°, grünes, blindgeprägtes Leinen, Schrift und Zierat in Gold, Schloss und Verschlussband, Goldschnitt. Gelenk offen”. Mehr hier >>

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Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Dienstag, November 20th, 2007

Worum es ging

1958 hatte die in erster Ehe mit Heimito von Doderer verheiratete Gusti Hasterlik in die USA, wo sie seit Ende 1938 lebte, einen Brief von ihrer Freundin Erika Neubauer aus Wien bekommen. In diesem schrieb Erika Neubauer von Doderers literarischem Erfolg und dass sie sich in einer Romanfigur seiner Dämonen erkannt hatte („Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann.“) – ohne dabei aber den Namen der Figur zu nennen. (Siehe Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”)

Auf der Suche

Erika Neubauer hatte mehrere Briefe an Gusti Hasterlik geschrieben, in denen auch die Rede von ihren drei Töchtern war. Gusti Hasterliks Nichte Giulia Hine machte sich auf die Suche nach den Töchtern – und fand sie. Zunächst über den ebenfalls in den Briefen als Freund und späteren Ehemann von Erikas Tochter Bärbel erwähnten Opernsänger Heinz Holecek und schließlich über den Absender auf Erika Neubauers Briefen. Die Adresse in Wien Pötzleinsdorf ist seit damals, wie sich herausstellte, dieselbe geblieben.

Die Töchter Bärbel Holecek und Dr. Monika Rosenauer hatten mir in Wien von ihrer Mutter Erika Neubauer, ihren Erinnerungen an Dodo Dressel und an Gusti Hasterliks Besuche bei ihrer Mutter in Wien nach dem Krieg erzählt. Prof. Dr. Artur Rosenauer schloss in diese Erzählungen auch Heimito von Doderer ein, den er, (ebenfalls Absolvent und seit 1962 Mitglied des Institutes) wiederholt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung gesehen hatte. Doderer dürfte dort für seine Romane recherchiert haben.

Mit Martin Voraceks Doktorarbeit “Rand der Wissenschaft, Beginn des Magischen. Eine literar-onomastische Studie zu den Figurennamen im Werk Heimito von Doderers” und den Erzählungen der Töchter Erika Neubauers konnte ich den in Frage kommenden Personenkreis auf Dolly Storch, Fella Storch und Angelika Trapp einschränken.

Gefunden

Bei nachfolgenden Telefongesprächen mit Dr. Rosenauer wurde deutlich: Weder passte die Beschreibung der molligen Dolly, noch jene der insektenhaften Fella auf Erika Neubauer. Dafür zeichneten sich auffallende Ähnlichkeiten zwischen Erika Neubauer und Angelika Trapp ab.

Erika Neubauer, Modell für Angelika Trapp

Die Romanfigur Angelika Trapp ist Studentin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stolzer Besitzer eines Autos mit Chauffeur. Sie ist mit dem Historiker Hans Neuberg verlobt, doch dieser trennt sich von ihr und Angelika Trapp heiratet stattdessen den erfolgreichen Dulnik, Klient ihres Vaters und Direktor einer Papierfabrik. Dass Hans Neuberg jüdischen Ursprungs war, Dulnik aber nicht, spielte in den „Dämonen der Ostmark“ noch eine entscheidende Rolle.

Das Modell für Angelika Trapp, Erika Neubauer bzw. Erika Veik, so ihr Mädchenname, unter dem Doderer sie kennen gelernt haben musste, kam 1924 mit 19 Jahren von der nordmährischen, ehemals österreichisch-schlesischen Stadt Troppau, wo sie mit ihren Eltern Arthur und Helene Veik gelebt hatte, zum Studium der Kunstgeschichte nach Wien. Dort lebte sie bei ihrer Tante Tusnelda von Gutenberg in der Landstraße. Ihr Vater, Rechtsanwalt von Beruf, war eine bekannte auch kulturell aktive Persönlichkeit. Er besaß, wie die Romanfigur, ein Auto, das von einem Chauffeur gefahren wurde. Der Großvater, so die Töchter von Erika Neubauer, soll Namensgeber in Doderers “Ein Mord den jeder begeht” gewesen sein. Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen den Vornamen Erika und Angelika sowie dem Namen Troppau, als Ort, in dem Erika ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und dem Familienennamen Trapp von Angelika. Erika Veik war, lange vor ihrer Ehe, mit Hans Neufeld verlobt gewesen; an sein Foto, das die Mutter sichtbar aufbewahrt hatte, erinnerte sich Frau Dr. Rosenauer. Eine Ehe mit dem Fabriksbesitzer Edgar Förster war geplant, doch kam sie nicht zustande und Erika Veik heiratete Mitte der 1930er Jahre Herrn Neubauer.

Ein herzliches Dankeschön an Frau Holecek, Frau Dr. Rosenauer und Herrn Prof. Dr. Rosenauer für eine gemütliche Jause in ihrem wunderschönen Haus in Wien, ihre Bereitschaft, humorvoll und spannend ihre Erinnerungen mit mir zu teilen und dafür, dass ich das Foto von Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater für die Homepage der Doderer Gesellschaft ablichten durfte.

Alexandra Kleinlercher

Antwort auf A. Kleinlerchers Kritik

Mittwoch, Juni 13th, 2007

(bezieht sich auf “Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben”)

Das, was ich in meinem Artikel im Absatz 2 angekündigt habe, ist prompt eingetreten: …”Er (Doderer) ist also einer jener österreichischen Autoren, deren literarische Schaffensperiode in dieses verflossene Jahrhundert der Ideologien fällt und bei
denen daher die Gefahr besteht, dass die sachliche Annäherung an ihr Werk von der moralischen Beurteilung ihrer Person überlagert wird, besonders wenn es um die Literatur in der NS-Zeit geht.”

Es war mir ein Anliegen, einen Überblick über das Leben und Schaffen Doderer’s zu geben, ergänzt durch Informationen Haybachs (Abs.3), ich habe in keiner Passage Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit der Darstellung seiner wechselhaften Lebensabschnitte erhoben. Kennzeichnend für den mir übersandten kritischen Artikel von Dr. Kleinlercher ist

1) dass er sich fast ausschließlich auf die NS-Zeit bezieht (siehe oben) und alle anderen Informationen (Riegelhof, 1. Weltkrieg, russische Gefangenschaft, Nachkriegszeit usw.) scheinbar ignoriert,

2) dass die Schreiberin zugibt, dass es laut Dokumenten nicht ganz einfach zu eruieren ist, wer nun wirklich Trauzeuge für wen bei dieser Hochzeit war (ich habe lediglich auf die Information von Haybach hingewiesen und halte es für überflüssig, über so eine Nebensächlichkeit langmächtig zu polemisieren). Ich habe den Lebenslauf Doderer’s nur aus einem Grund aufgerollt: Um aus Anlass seines 110. Geburtstages und seines 40. Todestages einem interessierten Leserkreis anhand detaillierter Darstellungen aus einzelnen Lebenssituationen Doderer’s Werk und die darin verpackten autobiographischen Momente zugänglicher zu machen (siehe „Zaunkönig“, S.15, Abs.5).

3) Loew-Cadonna erwähnt in seinem Kommentar auf S 71: „Im Frühjahr 1933 trat Doderer der (in Österreich damals verbotenen) NSDAP bei“. Nun gut, 1.4.33, Verbot: 19.6.33, ich nehme diesen Hinweis gerne zur Kenntnis, vermerke aber, dass die Zeitangabe „im Frühjahr 1933“ auch vor allem als Mittel zur Textstraffung anzusehen ist.

4) Die Erwähnung, dass Gusti Hasterlik Jüdin war, ist weder falsch noch in irgendeiner Weise polemisch gemeint. Diese von mir in keinster Weise abwertend verwendete Feststellung kann auch nicht als „damals aufoktruierte Fremdbestimmung’ in eine heutige Diskussion einfach hineininterpretiert werden, das hat Loew-Cadonna auf Seite 72 sehr wohl dargestellt, indem er über Doderer schreibt: „… (der unmittelbar nach dem Ehedesaster, in typisch weit ausholender Projektion sich in seinem Antisemitismus bestätigt fühlte). Während seiner Ernüchterung in Sachen Nazi-Deutschland nahm er wiederum Anlass, der These von den schicksalslogischen Ab- und Irrläufen neuen Auftrieb zu verleihen…“. Ich habe weder versucht, Doderer’s NS-Vergangenheit zu beschönigen noch diese n u r auf seine gescheiterte Beziehung zu Gusti Hasterlik zurückzuführen. Sollte dennoch für irgendjemand dieser Eindruck entstehen, tut es mir leid. Dass sie eine Rolle dabei gespielt habe, aus der damaligen allgemeinen Situation heraus, möge man nicht abstreiten.

5) Dem einen Autor (Martin Mosebach) einen fehlerhaften und verzerrten und in einem Atemzug mir gar keinen Bezug zu Wolfgang Fleischer’s Doderer-Biographie vorzuwerfen, lasse ich insofern nicht gelten, als ja mein Beitrag zum Doderer-Gedenken ausdrücklich als zusätzliche Information zu allen bisherigen verstanden werden sollte, was ich auch in meinem Artikel im Abs.3 zu Beginn deutlich zum Ausdruck gebracht habe. Die Absenderin der Kritik geht in keiner Weise auf andere Informationen, z.B. die russische Kriegsgefangenschaft, ein.

6) Doderer’s Beitritt zur Reichsschrifttumskammer diente natürlich dem Zweck, veröffentlichen zu können. Ein Schriftsteller, der nicht veröffentlichen kann, ist isoliert, was sollte an meiner Formulierung ‚Durchbrechung der Isolation’ falsch sein?

7) Ich kann nicht umhin, die in manchem sicher berechtigten Kritikpunkte zum größten Teil aber als überspitzt und einzig und allein auf die NS-Zeit fokussiert aufzufassen. Meine Formulierung: “…Doderer hat dies ein Leben lang bereut und bezeichnete es später als ‘barbarischen Irrtum’” ist natürlich nicht spezifisch auf die Mitgliedschaft bei der Reichsschrifttumskammer gemünzt und hätte auch von der Kritikerin bei mehr Wohlwollen meinen Ausführungen gegenüber ohne weiteres auch etwas weitgreifender interpretiert werden können.

Ich habe in der Zwischenzeit die Web-Seite der Doderer-Gesellschaft nach Aktivitäten durchgesehen außer dem genannten Beitrag über meinen Artikel, mit dem ich ausschließlich die positive Absicht bekundete, meinen Beitrag zu leisten, Doderer’s Werk in Erinnerung zu rufen, zu würdigen, es für den wissenschaftlich nicht unmittelbar Befassten lesbarer zu machen und ein paar weniger beachtete Passagen aus seinem Leben zu erwähnen. Auch, um die Rolle Haybachs vor allem in den schriftstellerischen Anfängen Doderer’s einmal zu würdigen. Dies wird in der Kritik überhaupt nicht erwähnt.

Schließlich habe ich gesehen, dass die Doderer-Gesellschaft das Werk von Schmidt-Dengler/Loew-Cadonna als Einführung nach wie vor anpreist, ich werde genau dafür kritisiert, weil ich Passagen daraus übernommen habe. Das, was man mir unterstellt, wird betrieben: Polemik.

Alles in allem: Wenn diese Diskussion über Formulierungen das Interesse der Zaunkönig-Leser für das Werk Doderer’s, des großen Formulierungskünstlers, zu stimulieren vermag, soll’s mir recht sein!

Christine Korntner, Wien

Über die Schwierigkeiten, eine Doderer-Biographie zu schreiben

Donnerstag, März 15th, 2007

Überlegungen ausgehend von Christine Korntners Artikel „Heimito von Doderer - Spiegelbilder eines Schriftstellerlebens“ (Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, Nr. 1/2007, S. 15-24)

Wer über das Leben von Heimito von Doderer schreibt, muss sich, wie bei jeder Biographie, der ständigen Gefahr bewusst sein, mit fehlerhaften Informationen zu arbeiten. Diese können aus den Erinnerungen des Schriftstellers, seiner Zeitgenossen/innen oder aus Dokumenten stammen, seien sie nun gewollt oder ungewollt. Zusätzlich ist niemand vor eigenen Fehlinterpretationen gefeit. Mit diesem Bewusstsein gewappnet, können durch genaue Recherchen manche Fehler vermieden werden. Wichtig ist Offenheit, um nötigenfalls das Bild, das sich der/die Biograph/in vom Autor gemacht hatte, zu korrigieren.

Das mag für den zehnseitigen Artikel von Christine Korntner etwas zu anspruchsvoll sein. Problematisch an ihrem Beitrag ist aber, dass darin alte Fehler wieder auftreten, von denen man hoffen konnte, sie wären mit dem Buch von Wolfgang Fleischer “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer” (Wien 1996) endgültig korrigiert worden. Selbst Martin Mosebach (Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den „Commentarii“ des Heimito von Doderer, München 2006) musste Wolfgang Fleischer, wenn auch widerwillig, zugestehen, dass auf dessen Doderer-Biographie nicht zu verzichten sei (S. 16f) - allerdings bediente er sich dieser in verzerrter und fehlerhafter Form. Christine Korntner verwendete sie hingegen gar nicht.

Während Wolfgang Fleischer gegen die Doderer-Legenden schrieb, greift Christine Korntner diese wieder auf, indem sie die Aussagen von Doderers Freund Rudolf Haybach übernimmt. Nur einmal schreibt sie zu Recht vorsichtig, Rudolf Haybach sei „nach eigenen Angaben Doderers Trauzeuge“ gewesen (S.20). Tatsächlich war, laut „Eheschein“, Ernst Scharmitzer Doderers Trauzeuge. (Scharmitzers Name steht allerdings unter jenem von Gusti Hasterlik, als wäre er ihr Trauzeuge gewesen, während der Freund der Familie Hasterlik, Walter Störk, als Trauzeuge unter Doderers Namen aufscheint. Vgl. Hine Collection, FSU, item 0504, 1938/10/28).

Erschreckend sind für mich die Interpretation und die Formulierung von Christine Korntner über die angeblichen Folgen der gescheiterten Ehe von Heimito von Doderer und Gusti Hasterlik:

„Aus dieser traumatischen gescheiterten Beziehung zu einer Jüdin [gemeint ist Gusti Hasterlik] heraus trat Doderer im Frühjahr 1933 der damals verbotenen NSDAP bei, und es kann dies, ohne es entschuldigen zu wollen, auch als Projektion gesehen werden, weil er sich in seinem durch das eheliche Desaster ausgelösten kurzfristigen Antisemitismus bestätigt fühlte.“ (S. 20)

Das liest sich so, als läge es in der Verantwortung einer „Jüdin“, dass Doderer 1933 der NSDAP beigetreten sei, als wäre Gusti Hasterlik schuld an Doderers Antisemitismus, als hätte sie ihn in die Arme der NSDAP getrieben. Es liest sich für mich wie eine Täter-Opfer-Umkehrung. Dieser Eindruck wird durch die Wahl des Zwischentitels „Irrwege privat und politisch“ (S. 19) nur noch verstärkt, in dem der private Irrweg, gemeint ist Gusti Hasterlik, mit dem politischen, Doderers NSDAP-Mitgliedschaft, verbunden wird. Korntner gibt zwar am Ende des Absatzes als Quelle Heimito von Doderer 1896-1966. Selbstzeugnisse zu Leben und Werk (München 1995) von Martin Loew-Cadonna an, doch findet sich die Aussage bei ihm in dieser Form nicht.

Schon die Bezeichnung „Jüdin“ für Gusti Hasterlik ist nicht unproblematisch, da es sich dabei nicht um eine Selbstbezeichnung, sondern um eine damals aufoktroyierte Fremdbestimmung handelt. Doderer selbst hatte den Beginn seines Antisemitismus auch nicht mit Gusti Hasterlik angesetzt, sondern verortete diesen schon im Umfeld seiner Kindheit (Commentarii 1951-1956, 3.4.1952, S. 117f). Antisemitische Äußerungen finden sich in seinen Tagebüchern schon Anfang der 1920er Jahre und nicht erst seit dem Scheitern seiner Ehe. Auch seine NS-Sympathien können nicht mit seinem Beitritt zur NSDAP 1933 datiert werden. Diese gehen vermutlich bis auf das Jahr 1927 zurück. (Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben, S. 191.) Christine Korntners Ausdruck vom „kurzfristigen Antisemitismus“ Doderers ist äußerst schwammig und ihre folgenden (zum Teil übernommenen) Angaben sind falsch: dass die NSDAP zum Zeitpunkt von Doderers Beitritt verboten war (Doderer trat der NSDAP am 1.4.1933 bei, verboten wurde sie in Österreich am 19.6.1933), oder dass Doderer Mitglied der Reichsschrifttumskammer (RSK) wurde, „um seine Isolation zu durchbrechen“ (er tat es, um veröffentlichen zu können). Es war auch nicht seine Mitgliedschaft bei der RSK, die er als „barbarischen Irrtum“ bezeichnete und „sein Leben lang bereut[e]“. Falsch ist schließlich, dass sich Doderer nach dem „Anschluss“ 1938 „nicht mehr als NSDAP-Mitglied führen“ ließ (alle Zitate S. 20). All das ist seit der Veröffentlichung von Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie 1996 bekannt und sollte, wenn man über Doderers Leben schreibt, berücksichtigt werden.

Alexandra Kleinlercher

Zu Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie

Mittwoch, Februar 21st, 2007

Wolfgang Fleischers Doderer-Bographie ist nicht nur Lebensbeschreibung sondern vor allem Lebensbewertung - und das Ergebnis dieser Bewertung hat der gestrenge Herr Fleischer gleich als Titel vorangesetzt “Das verleugnete Leben….”. Deshalb muß es auch gestattet sein, sich mit den Schlüssen auseinanderzusetzen die Herr Fleischer aus den von ihm so umfassend recherchierten Fakten zieht.

Einer der Haupt- Dreh- und Angelpunkte um den der Beurteilungshammer Fleischers schwingt, ist selbstverständlich die NS-Zeit und Doderers Parteimitgliedschaft und für Fleischer wiegt diese Mitgliedschaft geradezu tonnenschwer. Wenn Martin Mosebach in seinem kürzlich erschienen Aufsatz davon spricht diese sei “federleicht” gewesen, kann man das natürlich nur als kapitalen Blödsinn bezeichnen!

Federleicht war sie vor allem für Doderer selbst nicht! Aus seinen Tagebüchern kann wohl niemand ableiten, er sei nicht kritisch mit sich selbst ins Gericht gegangen. Zum Zeitpunkt seines Parteibeitrittes hat er offensichtlich mit den NS-Ideen sympathisiert; ob das, was er darunter verstanden hat, auch mit dem Parteiprogramm übereinstimmte, darf offen bleiben. Bei näherem Hinsehen wären Doderers Werke wie “Die Bresche” oder die Vorarbeiten zu “Jutta Bamberger” kaum mit dem NS-Kunstverständnis vereinbar gewesen, sein Glück war, daß er wegen seiner Erfolglosigkeit unter der behördlichen Wahrnehmungsschwelle blieb.

Mit seinem, wahrscheinlich als Nazi-Anbiederung gedachten, Werk “Die Dämonen der Ostmark” kam Doderer offensichtlich nicht zurecht, sodaß bis zum tatsächlichen Erscheinen der “Dämonen” von der Ostmark und wohl auch von Doderers Antisemitismus nichts mehr übrig war.

Geradezu eine Ironie der Geschichte zeigt das Schicksal von Doderers “Freund” Gütersloh. Dieser war, wie aus seinen Briefen ersichtlich, um nichts weniger NS-begeistert als Doderer, hatte aber das Pech den Kulturschergen ungut aufzufallen woraufhin er von seinem Posten entlassen wurde und Malverbot bekam - was ihm nach dem Krieg sofort wieder zu Stellung und Ansehen verhalf. Ob Gütersloh ähnlich klar wie Doderer die Verwerflichkeit der NS-Ideologie erkannte, ist mir nicht bekannt.

Für Doderer gilt, daß er erstens seinen Irrtum eingesehen und zweitens dafür gebüßt hat. Zumindest mußte er nach dem Krieg die “Entnazifizierung” über sich ergehen lassen und konnte nicht sofort wieder publizieren. Vielleicht hätte er ohne den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit sogar den Nobelpreis bekommen.

Im Licht dieser Überlegungen erscheint mir der Buchtitel und zugleich das Resultat der Lebensbewertung “Verleugnetes Leben” nicht gerechtfertigt.

Kurt Payr