Sammler aufgepasst: Tagebuch von Doderers Mutter steht zum Verkauf

Das ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) bietet um schlappe EUR 1.800 ein Tagebuch von Willy von Hügel, der Mutter Heimito von Doderers, feil: “Eigenh. ‘Brauttagebuch’ während ihrer Verlobungszeit mit Wilhelm Ritter von Doderer, Einträge von Dezember 1879 bis Juni 1880. 52 Blatt, zweiseitig beschrieben, 3 Seiten leer, 8°, grünes, blindgeprägtes Leinen, Schrift und Zierat in Gold, Schloss und Verschlussband, Goldschnitt. Gelenk offen”. Mehr hier >>

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Eine Antwort auf “Sammler aufgepasst: Tagebuch von Doderers Mutter steht zum Verkauf”

  1. Guenther Hildebrandt schreibt:

    Tatsächlich - Sammler aufgepaßt!

    Infolge der Veränderungen innerhalb des Antiquariatsmarktes, ausgelöst durch die plötzlich entstandene Transparenz der Anbieter in den Büchersuchmaschinen und des daraus folgenden radikalen Preisverfalles sog. Massenware (quasi aller Bücher, die in mehr als 5-10 Exemplaren verfügbar sind, also 99 % aller im 20. Jahrundert gedruckter Bücher), nutzen immer mehr Antiquare den unikalen Charakter weniger Stücke, um aus dem eingespielten Preisgefüge nach oben hin auszubrechen.

    Um es vorab deutlich zu sagen: verglichen mit zahlreichen sog. Luxusgütern (Turnschuhen, Uhren, Edelrestaurants, Nobelkarossen, Gegenwartsmalerei, Photographien etc.) sind seltene alte Bücher und Handschriften vermutlich massiv unterbewertet. Dies liegt sowohl an der schwindenden Nachfrage und einer aussterbenden bzw. übersättigten älteren Sammlerschicht als auch an der vergleichsweise geringen Kaufkraft der meisten Bücherfreunde. Ein Sonderfall dagegen ist die meist schwache Ausstattung der Institutionen für Ankäufe, denen stattdessen für sinnlose Werbeaktionen, überdimensionierte Internetauftritte u.ä. zum Teil hohe Summen zugewiesen sind.

    Dennoch: Daß im vorliegenden Fall Skepsis geboten scheint, zeigt die Tatsache, daß das Buch zuerst den Stammkunden des Hauses via Katalog angeboten und von diesen offensichtlich verschmäht wurde. Ob dies daran liegt, daß sowieso bereits Kopien von der öffentlichen Hand angefertigt werden durften, entzieht sich meiner Kenntnis. In einem Bestandsverzeichnis des Österreichischen Literaturarchivs, veröffentlicht in “Sichtungen” (1. Jahrgang, 1998), wird dieses Tagebuch als zur Sammlung Margaretha Doderer gehörig angezeigt und dürfte sich demnach einige Jahre im Archiv befunden haben.

    Auch ein etwa vor Jahresfrist den Mitgliedern der Doderer-Gesellschaft aus privater Hand angebotener Aphorismus Doderers bestand die echte Marktprobe, eine Auktion bei Stargardt, nicht und wurde zum untersten Schätzpreis von einem Antiquar übernommen, der seinerseits seither - wieder auf altem Preisniveau - vergeblich sein Glück versucht.

    Kurz gesagt: 1800 Euro für das Brauttagebuch der Mutter Heimito von Doderers sind wenig, wenn man vergleicht, für was sonst viel Geld ausgegeben wird. Sie sind aber sehr (und wohl erheblich zu) teuer, wenn man den schmalen Geldbeutel der allermeisten Bücherfreunde kennt. Evtl. spekuliert die Preisbildung auf einen Mäzen.

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