“Strudlhofstiege” am Schauspielhaus Wien

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Beginnend mit der Premiere des 1. Teils am 31. Dezember (21:00) in der Schneiderei unternimmt das Schauspielhaus Wien den Versuch, “Die Strudlhofstiege” als Fortsetzungsdrama in 12 Teilen zu inszenieren.
12 Regisseurinnen und Regisseure präsentieren nacheinander jede Woche eine neue Folge.
Die Doderer-Gesellschaft wird die Aufführungen kritisch begleiten und hier im Forum zu jeder Folge eine (oder mehrere) Schnellkritiken einstellen.
Weitere Informationen zur Dramatisierung und zu den Aufführungsterminen finden Sie hier.
Lesen Sie auch ein Interview der “Presse” mit Daniela Kranz und Helmut Peschina zu ihren jeweiligen Bearbeitungen der “Strudlhofstiege”.

37 Antworten auf ““Strudlhofstiege” am Schauspielhaus Wien”

  1. Eugen Banauch schreibt:

    Klamauk

    Die Strudlhofstiege nach Heimito von Doderer im ‘Schauspielhaus’, 31. 12. 2007. 1. Folge: Schöne Beine. Regie: Daniela Kranz. Mit Angela Ascher, Christian Dolezal, Marion Reiser, Johannes Zeller.
    Es erübrigt sich, auf schauspielerische Leistungen einzugehen, da alles einem Regiekonzept auf einer Stilebene folgt, die mit Doderers epischem Werk nicht das Mindeste zu tun hat. Mary K. als laszives Dummerl, das sich mit der großen Zehe mehrere Male erfolglos Tee einschenkt, Doktor Negria, der auf einem funkensprühenden Tennisschläger Gitarre spielt und in einem unbestimmbaren ordinären Dialekt redet, Editha Pastré, die mit einem (sattsam bekannten) Dagmar Koller-Zitat die Bühne betritt, ein Kellner mit Federnschmuck, der Faschingskrapfen serviert und so das Wort “Indianerkrapfen” dramaturgisch verdeutlicht - reicht das? Mir schon, und es gebricht mir durchaus an Lust, mir eine der nächsten Folgen anzusehen, von wem immer sie inszeniert sein mag.

    Eugen Banauch

  2. Rudolph Moosfeile schreibt:

    Unlustig.

    Es war schwer vorzustellen, daß an jenem Abend irgendwo auf der Welt etwas Schlechteres aufgeführt wurde. Fürchterlich, vollkommen fürchterlich. Was war da passiert, wie kann etwas derart konsequent schlecht sein? Primitiv, uninspiriert, schleißig, billig, falsch.
    Eine bewußte Mythenzerstörung vielleicht, aber wozu? Die Verlächerlichung des Altösterreich vielleicht, aber das ist schon verstaubter als der Mythos selbst. Die Kunst des schlechten Geschmacks vielleicht, aber wozu?
    Gut, Originaltreue ist nicht immer vorrauszusetzen, aber ohne den programmgebenden Werktitel wäre wohl kaum jemand hingegangen. Vielleicht also doch einfach nur Betrug, an allem.
    Immerhin brachte es die Gewißheit, daß nach diesem Auftakt ein Besuch weiterer Folgen entbehrlich ist.

  3. david ramirer schreibt:

    1. Folge: Schöne Beine

    Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer ist in seiner Form ein sehr vielschichtiger Roman, der alles andere als für das Theater konzipiert oder geeignet ist. Doderer selbst hatte ja (wenn man einem bekannten Interview Glauben schenkt) ein tiefes Desinteresse am Theater. Dennoch sind die komischen und sprachwitzigen (im besten Sinne “humoristischen”) Elemente in Doderers Werken auf Schritt und Tritt zu finden, auch im Stiegenroman…

    Die hier dargebotene “Umsetzung” (dieser Begriff führt schon in die Irre!) des vielschichtigen Romangebäudes schöpft mehr oder weniger “das Absurde ab” und übersteigert es alles andere als subtil. Da aber diese absurden Übersteigerungen weitgehend am Originaltext mitvibrieren, ist diese fast kabarettartige Darbietung für den Kenner und Liebhaber der Dodererschen Sprachqualitäten eine völlig neue Sichtmöglichkeit auf den Text (wenn er nicht von anderen Erwartungen getragen hingeht).

    “Gerecht” wird diese Idee dem Text keinesfalls - aber warum sollte sie das auch? Ein unbefangener, lasziver Umgang mit der doch auch knisternden Erotik in Doderers Buch, ein jugendlicher, übersteigerter grotesker Impetus in der Darstellung einiger zentraler Figuren hat bei aller Ferne vom eigentlichen Werk etwas sympatisches: Wenn die Szene im Zug mit Melzer und Laska “entgleist”, oder auch die Verwandlung von Melzer aus dem Major in den Amtsrat in der Tabakregie… das hat verdeutlichenden Charakter, der ganz aus dem Text entspringt. Sicher sind manche Einfälle sehr überzogen (etwa Rene Stangeler, der die Krapfen vertilgt und förmlich auszuzelt), doch reflektieren auch diese Vignetten auf subtile Weise die Originalzitate Doderers.
    Warum das vorangestellte wunderschöne Gedicht “Auf die Strudlhofstiege zu Wien” als Telefonanruf einlangt, und der Anrufer sich einmal (gespielterweise) verhaspelt, ist mir nicht ganz transparent geworden, abgesehen davon, dass somit sehr bald klar wird, dass es eben nicht um “Werktreue” geht. Wenn dieses Element eine Chiffre dafür sein soll, mag mir das auch recht sein.

    Es sollte nicht darauf vergessen werden, dass “Majestätsbeleidigung” beinhaltet, dass es eine Majestät gibt - die als solche wahrgenommen wird.
    Ich glaube, dass dieser absurde, unverfrorene, freche und beschwingte Umgang mit Doderers Werk der Rezeption (durch neue Leser) gut tut und gut tun wird.

    Wer sich also von dieser Reihe eine “ins Theater transportierte Fassung” erwartet, wird gezwungener Maßen enttäuscht sein.
    Ich jedenfalls bin sehr froh, dass hier etwas anderes unternommen worden ist, und werde mir auch die weiteren Folgen ansehen.

    David Ramirer

  4. Webmaster schreibt:

    Pressestimmen:
    Der Standard: “Die Kreuzung heißer Bildungsspießbürger”
    Wiener Zeitung: “Der größte Spaß in dieser Stadt”
    Mehr folgt …
    DeutschlandRadio: Telenovela auf der Bühne

    Der Webmaster

  5. Stefan Winterstein schreibt:

    Die Strudlhofstiege nach Heimito von Doderer im ‘Schauspielhaus’, 10. 01. 2008. 2. Folge: Reifes Obst. Regie: Julie Pfleiderer. Mit Angela Ascher, Christian Dolezal, Marion Reiser, Johannes Zeiler.

    Schon der Rahmen ist intim: Das Personal des Schauspielhauses führt das bis Vorstellungsbeginn eingetroffene Publikum aus dem Theaterfoyer auf die Straße und bei der Eingangstür des Hauses wieder hinein. Durch dessen Hof gelangt man zur neueröffneten Nebenbühne, der “Schneiderei”, wo sich die wenigen Zuseher, die hier Platz haben (viel mehr hätten an diesem Abend nicht erscheinen dürfen), bei freier Platzwahl auf die Bänke und Sessel verteilen.
    Eine Stimme aus dem Off erläutert, “was bisher geschah”. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler haben auf der schmuddeligen Bühne Platz genommen, praktischerweise sind die Namen der Dargestellten von der Kulisse ablesbar. Von links nach rechts: Konsul Fraunholzer (”Konstantinopel” steht da auch), Etelka Grauermann (”Wien”), René Stangeler sowie: Heimito von Doderer.
    Erste Szene: Der Konsul - ernst, seriös, tragisch, mit tiefer, heiserer Stimme - und Etelka - selbstbewußt, lasziv, sexy - öffnen uns ihre Herzen. In einer ungewohnten Art von Talkshow, aufgeführt in der Sprache des Romanerzählers (dessen Sätze sich kurzerhand in die Ich-Form transferiert wiederfinden), erschließt sich die Geschichte einer heiklen zwischenmenschlichen Beziehung. Doderer dagegen beschränkt sich darauf, von rechts immer wieder Jahreszahlen in den Dialog einzuwerfen: 1911, 1925, 1919. Ein nicht unwitziger Kommentar zu der komplexen und exakten, dabei zweifellos verwirrenden Chronologie des Buchs.
    Was sonst passiert in der 45minütigen Folge 2? Die Topographie rund um Stangelers Begegnung mit der Riesenringelnatter wird von diesem (Christian Dolezal) in anschaulicher Weise auf den eigenen Körper verlegt. Das nächtliche Pyjama-Gespräch einiger nobler Herren über die Familie Pastré ist auf der Bühne das, was es möglicherweise ja auch im Buch schon sein soll: eine Tratschtantenrunde mit affigen Witzchen. Und der Womanizer René Stangeler bandelt erfolgreich mit Editha Pastré an.

    In der Tagespresse wurde der Umgang der Reihe mit dem Roman kürzlich mit dem seltsamen Wort “respektfrei” beschrieben (als wäre es anrüchig, vor dieser Literatur Respekt zu haben). Respektlosigkeit – die damit, wie auch immer gewendet, wohl gemeint war – kann der Rezensent wenigstens in Folge 2 indes keine erkennen. Im Gegenteil: der Abend zeigte einen zweifellos spielerischen, gewitzten, durchaus lustvollen Umgang mit dem Romantext. Was sich dabei ereignete: definitiv kein Lust-Mord, sondern eben: ein Lust-Akt.

  6. david ramirer schreibt:

    Folge 2: Reifes Obst (Aufführung vom 11.1.2008)
    Seite 151-225

    In bester Sitcom-Manier wird am Beginn des Stückes eine Kurzzusammenfassung geboten, bevor die einzelnen Figuren (gar nicht in Sitcom-Manier!) ihre Seelenlandschaften ausrollen.
    Robby Fraunholzer (Johannes Zeiler), der füllige Konsul in Konstantinopel, der eine Liason mit Etelka Stangeler (Angela Ascher) beginnt, sitzt lange auf seinem Sessel in der Ecke, während Etelka von ihren Erfahrungen berichtet, lässig am Divan hingegossen. Nachdem auch er seine Sicht der Dinge dargelegt hat, kommt es zur auflockernd heftigen Interaktion der beiden… dank dem Gastprotagonisten Heimito von Doderer, der souflierend von rechts die Jahreszahlen aus dem Buch am Schoß korrigierend einsagt, können sich die Figuren ganz ihren emotionalen Pirouetten hingeben. Eine emotionale Pirouette der ganz besonderen Art liefert dann Rene Stangeler (Christian Dolezal), der die Ringelnatter-Begegnung in bester Indianertradition am eigenen Körper zelebriert und die sprachlichen Körperbezüge in den Doderertexten auf eine Art transparent macht: Sprache ist auch hier Körper.
    Die Episode der Männertratschrunde, die sich wie Klatschweiber im Zimmer von Geyrenhoff zusammenfinden, und über die Pastré-Zwillinge plaudern, ist zwar gut gemeint, wirkte aber leider etwas gehetzt. Diese Episode hätte mit etwas mehr Dehnung und Zeit gespielt werden können, es fiel etwas schwer den raschen Gesprächen zu folgen - und gerade die Informationen dieses Gesprächs sind wichtig für den weiteren Verlauf.
    Dafür funktionierte die Begegnung von Rene Stangeler und Editha Pastré (Marion Reiser) am Ende sehr gut, und der abschließende Cliffhanger kam (gefühlterweise, wegen des etwas hohen Tempos der Tratschszene) leider um 15 Minuten zu früh.

  7. Herwig u. Anel Kressler schreibt:

    Dritte Folge: Rendez-vous im Badezimmer

    SCHLAG (obers) GEGEN DODERER

    Die Schauspieler stellen sich in ihren verschiedenen Rollen vor.
    Danach anhaltendes Türenschlagen bei Auftritten und Abgängen. Das Spiel kann beginnen.
    Die Schauspieler verwandeln sich laufend in verschiedene Personen, deren Attribute das Erkennen nicht gerade erleichtern.
    Ingrid und Etelka (beharrlich auf der zweiten Silbe betont) klingen meist eher bayrisch, Asta, Paula und die Pastre tönen norddeutsch. Die Herren sind abwechselnd Rene, Schmeller, Melzer und ein Taxifahrer, tun das mit großem Einsatz, eine Personencharakterisierung fällt dem herrschenden Chaos zum Opfer. Ach ja, auch Grauermann kommt da irgendwie vor.
    Aus dem Lautsprecher zugespielte Textzitate versuchen eine Art Handlungsfaden zu suggerieren.
    Die Dialoge wirken streckenweise wie Stegreifinspirationen und werden durch eingestreute “ok”, “hallo”, “paßt schon” nicht authentischer. Das macht aber nicht wirklich viel aus, denn von Authentizität kann ohnehin keine Rede sein.
    Höhepunkt ist die Schlagobersschlacht im Cafe Brioni zwischen Grauermann, Paula und Rene. Daß es in der Konditorei zugeht wie bei einem außer Rand und Band geratenen Kindergeburtstag, paßt wohl in den Ductus dieser seltsamen Inszenierung, ist aber eher peinlich. Vier Dosen Sprühobers und zwei Flaschen Schokocreme (ein Hohn für jedes Wiener Cafe) werden liebevoll über Cafe Tisch und Schauspieler verteilt.

    Dem Publikum gefällt es, viele Lacher und anhaltender Applaus.
    Die dreißig Plätze sind ausverkauft und die meisten Besucher scheinen jetzt endlich einen freudvollen Zugang zu diesem “faden Stoff StrudelhofstiegeStrudlhofstiege gefunden zu haben.
    Die “StrudelhofstiegeStrudlhofstiege” als Telenovela - so langweilig dargestellt war sie noch nie. Trivialisierend entzieht sie sich jeder Kritik. Sieht das Schauspielhaus heute so seine literarischen Nachbarn im 9. Bezirk?
    Hätte Doderer darüber gelacht? Vielleicht! Er hätte wohl den Kopf geschüttelt und wäre seines Weges gegangen.

  8. david ramirer schreibt:

    Folge 3: Reifes Obst (Aufführung vom 18.1.2008)
    Regie: Rudolf Frey
    Seite 225-295

    In der dritten Woche des zwölfstufig großromandurchmessenden Projektes wird die Schneiderei, in der die Inszenierungen Platz greifen, langsam zur dynamischen Wohngemeinschaft: nicht nur das Ensemble wird rasch wiedererkannt, auch das Publikum ist zum Teil aus bekannten Gesichtern zusammengesetzt, da die Serie mit gleichbleibenden Wochentagen verkauft wurde und sich das Publikum daher strukturiert einfindet.
    Vor Beginn der Vorstellung hört man geflüstertes Geplauder der Gäste über den Inhalt und mögliche Kongruenzen der Protagonisten: “…ich habe ja gehört, dass der Major Melzer recht autobiographisch sein soll”. Als Konsument des Doderer-ABCs wollte ich da einwerfen “der René Stangeler aber noch viel mehr”, was zeigt, dass eine begleitende Ebene der Serie vielleicht guttun würde. Die Besucher der Stücke könnten sich eventuell nach den Aufführungen in einem Lokal zusammenfinden um über Lese- und Stückerfahrungen zu diskutieren. Zumindest wäre das anzuregen im Sinne einer Theaterförderung.

    In der dritten Folge wurde das bereits gewohnte Konzept der anfänglichen Vorstellrunde mit augenzwinkernder Reaktion der Protagonisten charmant abgewickelt, bevor dann die “Garden-Party” bei den Schmellers rasant, fast stummfilmhaft, abgerollt wurde. Wohl aus Versehen bekam Asta Stangeler (Marion Reiser) das entzückende violette Einhörndl aus der ersten Folge beim Schmettern einer Türe aus der Höhe auf den Kopf, doch sie baute dieses Bühnenbildmaleur wirklich gut in die ohnehin sich in Bedrängnis befindliche Figur der Asta ein.
    Wunderbar griff das “kleine Empfangszimmer” in der Akademie als Begrenzung einer der witzigsten Szenen des Abends ein, wo sich alle vier Schauspieler versammelten, um dann auf engstem Raume Zeuge des Telefonats Teddy Honneggers mit Semski zu werden.
    Dramatischer Gipfelmoment des Abends war aber in meinen Augen nicht die Schlagobersschlacht in der Konditorei (großartig: Christian Dolezal, der den esoterisch durchschäumten Jungstudenten René Stangeler mit viel Bezug zur Gegenwart aufstellt: “ich bin einfach besser hier in dieser Gegend”) und das vorübergleiten von Etelka im Fenster, sondern die mit Flip-Chart-Unterstützung im improvisierten Streit ausgetragene Schilderung des “berühmten Skandals auf der Strudlhofstiege”: hier wird gar nicht versucht, Klarheit zu schaffen, doch genau das ist ja auch das, was dieser Moment im Buch bedeutet: ein Gewirr von Bezügen und Lebenslinien, die sich verknoten und gegeneinander arbeiten. Diese emotionale Spannung so in diesen kleinen Raum der Schneiderei zu holen, ist ein beachtlicher Kunstgriff.

    Im dritten Teil wurde dadurch auch thematisiert, wie schwierig es ist, den Figuren und der Handlung zu folgen (auch für die Schauspieler und die Regisseure selbst). Doch selbst diese offengestandene Ehrlichkeit dem Stoff gegenüber ist auch bei Doderer selbst bisweilen zu finden, wenn er etwa bisweilen ein “man könnte sich daran erinnern, dass…” in seine Schilderungen einbaut und dem Leser durchaus zugesteht, kein absolutes Gedächtnis zu besitzen (und auch nicht besitzen zu müssen).
    Somit brachte auch der dritte Abend wieder viele neue Blicke in den Roman, aber auch wiederum einige neue Lektionen über das, was Theater sein kann.

  9. Gaby G. Blattl schreibt:

    4. Folge: Champagner ins Blut (Aufführung vom 24.1.2008)

    Romanbearbeitungen für die Bühne sind meist problematisch, meist unmöglich und deshalb sollte man sie auch lassen. Doderer hat gewußt, warum er Romane geschrieben hat und keine Dramen. Er lebt vom Wort, baut Spannungen auf, Beziehungsstränge. Nichts davon in der Aufführung.
    Die Vorgangsweise ist bekannt, Nach dem Weg in die alte Schneiderei sitzt, hockt oder räkelt sich das Publikum in Vorfreude und Spannung. Dann aber wird es fürchterlich.
    Auch das ist bekannt, vier Schauspieler spielen verwirrenderweise mehrere Personen, von Sprachkultur ist keine Rede, Vornamen auszusprechen ist schwierig (Etelka sollte man beim vierten Teilstück schon kennen) und auch sonst ist Doderer weit, weit weg.
    Melzer, ein Dümmling auf dem Bärenfell, zwischen Kinderspielzeug und Tschibuk, versucht sich an seine tatsächlichen und gedachten Affairen zu erinnern. Eine Geräuschkulisse vermittelt Verschiedenes, Mikrofone scheinen nötig zu sein. Melzer führt uns auch vor, was in den kleinen, dafür eingerichteten Örtchen passiert - und das Publikum fand es amüsant bis lustig.
    Doderer bleibt auf der Strecke, in anklängen tönen manche seiner Worte…
    Es war sicher eine interessante Erfahrung für Regie und Schauspieler, dieses Projekt zu erarbeiten. Vielleicht hatten sie auch ihren Spaß daran. Aufführen müßte man es nicht.
    Was Doderer gedacht hätte? Amüsiert weggegangen wäre er wohl kaum, im Grab rotieren wird er wohl auch nicht. Vielleicht hält er das alles für eine große Gemeinheit …

  10. david ramirer schreibt:

    Folge 4: Champagner ins Blut (Aufführung vom 25.1.2008)
    Regie: Eike Hannemann
    Seite 295-355

    Die Bühne wurde im vierten Teil auf einen sehr kleinen Bereich der Schneiderei zusammengepfercht: das längliche Zimmer war zu drei Vierteln mit Sitzgelegenheiten versehen, im letzten Viertel des Raumes wurde ein aufwändiges Environment installiert, welches den vier Schauspielern kaum Platz zum agieren einräumte. Dafür aber hatten drei von ihnen eine Menge an Ausrüstung zur Verfügung, um tontechnisch mitzuhelfen.
    Dieser komprimierten Ausgangslage entsprechend wurden die Bewegungen mehr in das Innere der Figur des Majoren Melzer (Johannes Zeiler) verlagert, der die meiste Zeit auf dem Bett bei starkem Kaffee und Wasserpfeife liegt und die Bilder der vergangenen Seiten (bzw. Jahre) an sich vorüberziehen sieht. Aus Melzers “Denkschlaf” wird hier ein drogengestützter Diashowtrip, der nur wenige Elemente bringt, die - wie in den vergangenen Folgen - die Lachmuskeln stark beansprucht.
    Es ist eine sehr hübsche Idee, die Geräusche von den diesesmal nicht im Zentrum des Interesses stehenden Figuren auf der Bühne erzeugen zu lassen. Die präzise Erinnerung an Ereignisse, die bereits passiert sind, aber auch die nachträgliche Lichtung dessen, was beim “Skandal auf der Strudlhofstiege” in Folge 3 jetzt eigentlich wirklich passiert ist, erhebt sich in eine nunmehr auch für das Publikum sinnlich erfahrbare Ebene, wenn die Geräusche von trippelnden Schuhen, Wassergeplatsche beim Rudern und dem Blubbern der Wasserpfeife im Raum rund um Melzer entstehen.
    Als alter Bekannter trat René Stangeler (Christian Dolezal) auf der Party beim Rittmeister auf, und knüpfte haarscharf an das an, was er zuletzt in Folge drei gesagt hatte. Solche Türen zwischen den Folgen (und eine Türe war es ja auch, die den Abgang vom Rittmeister und den Auftritt Renés hier bühnentechnisch ermöglichte) erzeugen langsam eine Art Linie im Gewirr der Figuren und Ereignisse.
    Obwohl diese vierte Folge von der multimedialen Bandbreite der Mittel am perfektesten inszeniert war, hatte sie doch fühlbare Längen, und riss weniger mit als die anderen drei. Das mag an der etwas doch gar schläfrigen Beschaffenheit des Melzerschen Denkschlafes gelegen haben, der sich übertrug, oder aber auch an der fühlbaren Enge der Schneidereiräumlichkeiten.

  11. Stefan Winterstein schreibt:

    Folge 5: Liebe ist die schwankende Deklination vom anderen Pole (Aufführung vom 31.1.2008)
    Regie: Lukas Bangerter
    Seite 356-424

    Die Bühne diesmal nüchtern: vier Sitze samt Lesepulten, rechts ein Kaffeehaustischchen mit zwei Stühlen. Das Thema, unter dem die Folge steht: verschlungene Wege der Kommunikation - Briefe, Briefe, Briefe -, und zwar Kommunikation, die scheitert. Der Brief von Melzer an Schlinger wird von Thea Rokitzer nicht übermittelt, ein anderer wird von selbiger im Auftrage Eulenfelds abgefangen, dieser bekommt unerwartet (wieder hat Thea die Hände im Spiel) einen Brief der Trafikantin Oplatek, in der Prein wartet man sehnsüchtig auf Briefe aus dem Ausland usw.
    Dieses Scheitern der Kommunikation wird zunächst sehr plastisch, und gar nicht nüchtern, auf die Bühne übertragen: die vier Schauspieler werden heute von der Sprecherstimme komödienhaft in -zig Rollen vorgestellt, mehrere Rollen sind doppelt besetzt, die Spieler spielen sich gegenseitig und sich selbst. Eine Statistik wird aufgefahren, wie viele Seiten, Zeilen und Wörter heute Textgrundlage sind, bevor man gar - Ordnung müsse sein, sonst kenne sich ja niemand aus - mit der Verlesung einer alphabetischen Reihung der im Text enthaltenen Wörter beginnt, die aber zum Glück schnell wieder abbricht. Als dann endlich die Handlung vorangetrieben wird, bricht zwischen den Handelnden bald eine Debatte aus, ob es denn nun “Elend” oder “Ölend” heiße. Die Rokitzer ohrfeigende Editha bleibt in ihrem Toben hängen wie eine Schallplatte, um sogleich von einem heraneilenden Doderer selbst eine Watschen appliziert zu bekommen. Und oft und oft drehen sich die Dialoge der Figuren an diesem Abend im Kreis, Fragen und Vorwürfe werden ohne Ende und scheinbar ohne Ergebnis wiederholt.
    Angesichts dieser vergnüglichen Momente (nett etwa auch die Idee, Rokitzer die Vorkommnisse mit Schlinger der Freundin Paula im Kaffeehaus erzählen zu lassen und diese dabei flugs in Schlinger verwandelt zu sehen, die erzählte Szene darstellend) ist es schade, wie sehr der Abend gegen Ende zusehends ausfranst. Etwas zu unsympathisch ist der Thea scheltende Rittmeister geraten, etwas zu beliebig - wenn auch im Ansatz nicht übel - der Vortrag über den Zihalismus, deutlich zu hilflos und streckenweise peinlich die Erläuterungen eines Moderators, der dem Publikum den Handlungsverlauf und Textsinn näherzubringen versucht und dabei explizit verunglückt. Am Ende auf instrumentelle Transkommunikation zu setzen und dem Autor aus dem Jenseits eine Erläuterung abzuringen zu versuchen, worum es ihm denn in seinem Text eigentlich gehe, wäre wirklich nicht notwendig gewesen (selbstredend schlägt auch dieser Kommunikationsversuch fehl).
    Wenn der Regisseur dem Roman tatsächlich keinen Sinn abzugewinnen versteht - anderen ist es gelungen. Oder: Oft ist es der Empfänger, an dem die Kommunikation scheitert. Oder: Doderer hat es geschafft, die Irrwege der Kommunikation darzustellen, ohne selbst dabei auf solche zu geraten; Lukas Bangerter leider nicht so ganz.
    Dennoch ist der Kritiker bereits gespannt, was nächste Woche kommt.

  12. david ramirer schreibt:

    Folge 5: Liebe ist die schwankende Deklination vom anderen Pole (Aufführung vom 1.2.2008)
    Regie: Lukas Bangerter
    Seite 356-424

    Erstaunlich nüchtern lag das Bühnenbild in dieser fünften Folge da: vier Lesepulte und dahinter der freie Blick durch das Fenster auf das Postamt auf der anderen Straßenseite.
    Eine ärmlich anmutende Musik begleitete die ersten Minuten beim Betreten der Schneiderei und verstärkte den Eindruck der Armseeligkeit.

    Die Vorstellrunde uferte in den ersten humoristischen Akt aus, als mehrere doppelte Rollen und auch konfuse Wiederholungen erneut klar machten, dass das Romankonzept Heimito von Doderers (der erneut mit ins Personalrepertoire genommen wurde) nicht an Figuren spart und bei vier Schauspielern da manches durcheinandergeraten kann. Die entgleitende Logik des Beginns fasste sich dann wieder und ironisierte die germanistisch wissenschaftliche Durchleuchtung des Romans mit nüchternen statistischen Daten zum diesmal dargebotenen Romanabschnitt, bevor Heimito von Doderer (Johannes Zeiler) den Faden erhob und Thea Rokitzer mit Paula Schachl an den Tisch setzte und das Gespräch der Freundinnen kommentierte.

    Das Einbeziehen des Außenraums - der gegenüberliegenden Straßenseite und dem Balkon über dem Postamt - hatte etwas magisches.
    Neben dem thematischen Aufgreifen des Post- und Briefthemas waren zwei bemerkenswerte Wutausbrüche Kern des Abends: Der im Cafehaus in eine Schallplattenschleife einmündende Vorwurfsanfall von Editha (Marion Reiser) in Richtung auf Thea (Angela Ascher) setzte Thea gewissermaßen in die Vorbereitung für den zweiten Anfall… wunderbar steigerte sich der Zerrütt- bzw. Rittmeister von Eulenfeld (Christian Dolezal) in einen sitzenden Ausbruch mit herumfuchtelnder Zeitung hinein, der zwar die Intensität der Stelle im Buch extrem übersteigerte, aber zum Wert von Wutausbrüchen im Werke Doderers eine Brücke erhob: ein Wutanfall Childerichs von Bartenbruch (Die Merowinger) kann kaum überzeugender ausfallen.

    Enttäuscht und vermeintlich resigniert, mit sympatischer menschlicher Note wusste Johannes Zeiler (als er selbst) nach einem Drittel des Abends nicht mehr weiter und alle Schauspieler gemeinsam versuchten einen esoterischen Kontakt zum vermeintlich unweit des Schauspielhauses residierenden “Genius Loci” - Doderer selbst - mittels eines Radios aufzubauen. Doderer “sei ja hier”, räumlich nahe, auch wenn die Zeitachse vorangeschritten sei, also wird dieses Mittel fruchten. Tat es natürlich nicht.
    Derartige humoristischen Einfälle treiben das Werk nicht wirklich voran, aber die sehr eindringlich gespielten Passagen dazwischen weben das Werk weiter. Es kommen die Rauchwaren langsam ins Spiel, die wichtigen Stellen werden eindringlichst vorgestellt und erklärt, und ich zweifle nicht daran, dass ein Besucher aller zwölf Folgen einen Eindruck der “Geschichte” im Roman haben wird.

    Die Ausführungen zum Wesen des Zihalismus konnten am Orte der Schneiderei unweit dem Schauspielhause nicht im ganz von mir erwünschten Umfange eingeholt werden, auch wenn die schauspielerischen Hilfsmittel wiederholt in seminaristischer Weise sich in zum Teile nahezu pornografischem (Chrstian Dolezal) Filzstiftgekritzel über die Tapeten ergossen. Dadurch gelangt zur Evidenz, dass die rein verbaloiden Eindrücke des vorgetragenen Textes sich nicht restlos in die mit der Ratio erfahrbaren Regionen vorwagten, jedoch auf emotionaler Ebene das Wesensinnewohnende (im Sinne des “Dekors” über dem “Inhalt”) durchaus aufnehmbar notiert werden konnte.
    Ein neuerlicher Besuch der in Entwicklung befindlichen Serie wird hieramts daher auf das nachdrücklichste anempfohlen und somit prioriert.

  13. Stefan Winterstein schreibt:

    Folge 6: Schwimmhöschen und die leichten Schuhe (Aufführung vom 7.2.2008)
    Regie: Alexander Charim
    Seite 424-479

    Von einem am Beginn stehenden Interview mit dem in Form eines SPIEGEL-Covers an der Wand hängenden Schriftsteller abgesehen (”Herr Doderer, gehen Sie manchmal auch ins Theater?”), hat Alexander Charim einen recht romantextnahen und unausgeflippten Abend vorgelegt (der übrigens nur 35 Minuten währt). Obschon es dann bereits operettenhaft klingen mag, wenn man berichtet, daß da gar Klavier- und zwei Gesangseinlagen zu Gehör kommen; so kitschig gerät es aber dennoch nicht. Deutlicher als sonst stehen in der heutigen Inszenierung die schauspielerischen Leistungen der vier Darsteller auf der Probe - und bestechen (zumal wenn man auch früher schon aufgefallene Textunsicherheiten, die durch den wöchentlichen Programmwechsel entschuldbar sind, nachsieht).

    Die über Zehen-Akrobatik und Tortenschlachten als Klamauk-Übergenuß klagenden Rezensentenkollegen hätten an dieser Folge vielleicht größeren Gefallen gefunden als an anderen. Umgekehrt läßt sie erahnen, wie anstrengend eine Dramatisierung des Romans wäre, die im Freiheitsanspruch gegenüber der zugrunde liegenden Literatur nicht gnadenlos über die Stränge schlüge …

  14. david ramirer schreibt:

    Folge 6: Schwimmhöschen und die leichten Schuhe (Aufführung vom 8.2.2008)
    Regie: Alexander Charim
    Seite 424-479

    “Herr Doderer, was ist das Magische an der Strudlhofstiege?” fragt der Erzähler (Johannes Zeiler) den Autor, der mit seiner großen Pfeife im Mund vom Spiegel-Cover in den Raum blickt. Gerade vorher hat er das Foto noch gekämmt, gepudert und mit Haarspray bearbeitet, als wolle er den Autor über den Umstand trösten, dass er ja nun doch im Theater gelandet ist, auch wenn er ja gegen das Theater eine so tiefe Abneigung hatte. Doch theatralisch sind seine Romane durchaus, und die heutige Folge führte das beeindruckend vor Augen.

    Nach einem an die letzte Folge anknüpfenden Auftakt mit vier Diktaphonen, die Zitate aus den vergangenen Folgen ineinanderspielend verschränkten und die transzendente Kommunikation fortspielten, wurde ein Interview mit Doderer zitiert, in dem er sich gegen das Theater aussprach, und in die Stille nach der eingangs festgehaltenen Frage “Was ist das Magische an der Strudlhofstiege?” wurde es sehr deutlich auf den Punkt gebracht, dass es die Musik ist, die hier die Magie aufbaut. Eine fünfte “Protagonistin” betrat heute die Bühne: eine Pianistin begleitet die Schauspieler bei beeindruckenden Liedeinlagen bzw. interpretiert wunderbar zu Doderer passende Instrumentalpassagen. Das magische etwa an der Passage vom 21. August 1925, halb acht Uhr morgens, als René Stangeler im Duft von Lavendel erwacht und sich an das kleine Medaillon erinnert, ja, diese Magie stand in der Schneiderei erstaunlich greifbar da, und in sehr anschaulichen Wortstückbildern bewegte es sich musikalisch weiter. Eine kanonhaft improvisatorisch vorgetragene Überlagerung von repetitiven Textfragmenten aller vier Schauspieler bildete eine Brücke zum Erzähler, der die Vorzüge der damaligen Schlafwagenzüge spielerisch zwei mal (sehr unterschiedlich) vorträgt, was ein ironisch gefärbter Hinweis darauf ist, dass es sehr darauf ankommt, wie ein Text gelesen wird, was nicht nur am Theater, sondern auch bei Doderers Romanwelt eine Schlüsselfrage ist.

    Die im Roman von mir heißgeliebte Szene mit dem Mate Tee hätte das wunderbare Gedicht durchaus als Votrag vertragen, doch die statt dessen singende Editha Pastre (Marion Reiser), die dem anderweitig beschäftigten René Stangeler (Christian Dolezal) damit die poetisch-lyrische Arbeit abnimmt, passte zugegeben besser in die Dramaturgie des Abends.
    Jemand, der die Strudlhofstiege mehr oder weniger präsent in sich trägt als Besucher bei den Variationen im Schauspielhaus, kann enttäuscht und beglückt zugleich sein, wenn eine Passage (gerade an einem sprachtechnisch so spannenden Abend wie diesem) gefühlterweise Chancen verspielt. Insgesamt aber war auch dieser straffe sechste Teil eine runde Sache, und ich beglückwünsche die Schauspieler zur absolvierten Halbzeit!

  15. Herwig Kressler schreibt:

    7. Folge: “Zarte Wäsche”

    Das Programm kündigt an: Eine fulminante Party bei Familie Stangeler … Eine Nacht der großen Gefühle … dramatische Szenen … ein glückliches Wiedersehen zwischen ehemaligen Verlobten … so manch einem geht in dieser Folge ein Licht auf … die geheimnisvollen Zwillingsschwestern Pastre´ sorgen für einige Verwirrungen.
    DasSpiel kann beginnen: Am Anfang versucht Editha einen “Patschen” an ihrem Fahrrad zu reparieren, wobei Melzer bald hilfreich zur Stelle ist. Stangeler hängt inzwischen an einem Telephon. Melzer und Stangeler “unterhalten” sich dann, wobei einer Siphonflasche eine wichtigere Rolle zukommt, als dem Gespräch, das eigentlich keines ist. Grete Siebenschein kommt zurück aus Paris, Stangeler erwartet sie auf einem Kinderdreirad. Auf dem Bahnhof sieht er die “doppelte” Editha - diese kurze Episode ist gut gemacht (man ist ja so dankbar!). Grete und Rene´ werfen Textilien aus einer Türöffnung. Robby Fraunholzer tritt als Dickwanst auf, Etelka (Betonung immer noch auf der zweiten Silbe) schnuppert an psychedelisch wirksamen Substanzen, großes Geschrei, da Asta einschreitet, “Karl” im blauen Anzug mit Wuschelkopfperücke tritt auf Etelka tanzt mit ihm irgendwas … na ja, und so weiter.
    Das Ganze ist öd, langweilig, geist- und witzlos und hat mit dem Roman “Die Strudelhofstiege” nichts zu tun, außer daß die Namen entlehnt sind und gelegentlich Textteile aus dem “off” dazu gesprochen werden. Peinlich die Lacher der Zuschauer bei irgendwelchen halblustigen gags und fast bedrückend die Stille, wenn kurze Textpassagen gesprochen werden, die sich nicht zum Schenkelklopfen eignen und wie Fremdkörper wirken.
    Aber bitte - die Vorstellungen sind ausverkauft (es gibt zwar nur 30 Plätze) und es hat sich offenbar eine richtige “fan”-Gemeinde herausgebildet.
    Nach weniger als 40 Minuten (entgegen den im Programm angekündigten - oder, rückblickend gesagt, angedrohten 45 Minuten) war der Spuk vorbei.
    Wegen des großen Erfolgs mögen vielleicht noch andere Verhunzungsprojekte ins Auge gefaßt werden: Wie wäre es mit der Odyssee, den Wahlverwandtschaften, Krieg und Frieden oder wenn es etwas Moderneres sein soll mit Harry Mulischs Entdeckung des Himmels?

  16. Heimito von Doderer schreibt:

    @Kressler:
    Also, ein bissl frag ich mich ja schon, was ich von der Textkompetenz von Wortmeldungen halten soll, in denen meine “Strudlhofstiege” mit “E” (Strudelhofstiege) geschrieben wird …
    Beckmessernd,
    HvD

  17. david ramirer schreibt:

    @Sehr geehrter Herr Doderer:
    Sie würden wohl selbst folgendes halten (in Händen eventuell), was Sie auf Seite 492 den Herrn Stangeler in der Strudlhofstiege sagen lassen…

    (…)
    “”Nach einem Maler”, sagte René. “Peter Strudel oder Strudl. Früher war man in der Schreibung von Eigennamen nicht polizeilich-meldeamtsmäßig genau. Ich kenn’ einen österreichischen Baron aus dem fünfzehnten Jahrhundert, Gamuret Fronauer hieß er, der unterschreibt seinen eigenen Namen fast jedesmal anders. Erst heute reitet man auf der Ortographie herum als Kennzeichen für einen sogenannten gebildeten Menschen. Dieser Schullehrer-Aberglaube scheint aber auch bald alles zu sein, was uns von der Sprache übrig geblieben ist.”
    (…)

    …und es in Ihrer wunderbaren Art intonierend auswendig vortragen.

  18. HvD schreibt:

    Touché!
    Doderer

  19. david ramirer schreibt:

    Folge 7: Zarte Wäsche (Aufführung vom 15.2.2008)
    Regie: Hauke Lanz
    Seite 479-558

    Die Inszenierung der siebenten Folge zeichnet sich gegenüber den bisherigen Episoden durch extreme Verknappung und inhaltliche Verkürzung aus.
    Wenngleich auch in den bisherigen Regiearbeiten auf Werktreue wenig Wert gelegt wurde (was ich als höchst erfrischend empfand) wirken die Metaphern und theatralischen Mittel diesesmal fast amputiert und herbeigezogen: Die Gondel (der blaue Waschtrog) hob sich / Das schnell Versinkende lässt Bläschen aufsteigen (der kaputte Fahrradschlauch bei der Suche nach dem Loch).

    Ein Gespräch zwischen Melzer und René Stangeler versinkt in die absolute Bedeutungslosigkeit und erreicht lediglich ein paar Lacher wegen der alltäglichen Kryptik des aneinander vorbeiredens der grundverschiedenen Männer… was im Roman herauskommt, verflacht aber leider hier: Melzer und Stangeler erscheinen durch die Beliebigkeit des Dialoges gleich desinteressiert an dem, worüber sie reden, das Profil geht verloren, was schade ist: die Figur des René Stangeler (Christian Dolezal) war eine in den sechs ersten Folgen gut aufgebaute Erscheinung, die heute Risse durch Unglaubwürdigkeit bekam.
    Sehr heftig poltert die Szene mit Konsul Fraunholzer und einer gewohnt manisch-depressiven Etelka (Angela Ascher), die sich dem 70er-Jahre-Lausbuben Karl von W. hingibt, durch die Schneiderei. Sehr laut, sehr heftig, dramatisch… mit zu wenig Raum für die subtilen Abschattierungen dieser nicht gerade einfachen Szene des Buches.

    Das Auftreten der gedoppelten Pastrés gelingt gut und erinnert an Höhepunkte der vergangenen sechs Folgen, doch insgesamt ging der siebente Abend als schwache Dissonanz zu Ende: es fehlte zuviel, um die angegeben Seiten umzusetzen.

  20. Stefan Winterstein schreibt:

    Folge 8: Duplizitäts-Gören (Aufführung vom 21.2.2008)
    Regie: Florian Flicker
    Seite 559-654

    Was haben Dorothea Zeemann und die Pastré-Zwillinge gemeinsam? Antwort: Sie treten zusammen in Folge 8 der Theaterfassung der “Strudlhofstiege” auf. Verwundert?
    Rein formal ist der Abend durchaus gelungen, das heißt: gekonnt gemacht, wie man das von Florian Flicker, auf welchen immerhin ein paar keineswegs üble Filme zurückgehen, auch erwarten durfte. Man sieht sich bei Eintritt in den Aufführungsraum den vier Schauspielern bereits gegenüber. In einem Doppelbett der schon bekannte Eulenfeld, umringt von den beiden Pastrés (durch Färbung der Haare als Zwillinge kenntlich gemacht). Daneben in einem Fauteuil der Schriftsteller. Das kurzweilige Spiel läuft in einer Szene durch, bis zum Ende, ein schön verwobener Wechsel von Figurenstimmen, Erzählereinwürfen, dazupassenden Faxen, alles im Bett. Inhalt übrigens: die Lebenstragödie der Mimi Scarlez, das von Editha angezettelte Duplizitätsspiel, Wedderkopp und Melzer, Edithas Ankunft in Wien samt Komplikationen und nachfolgenden Diskussionen.
    Dies ist nun aber nur ein Teil des Inhalts dieses Abends. Flicker hat noch anderen hinzugefügt: allerlei Biographisches. Was der Form nach rund ist, bricht so im Inhalt auseinander. Was die eingeworfenen Tagebucheinträge Doderers aus den 1920ern etwa über voyeuristische Neigungen des jungen Autors mit der Romanepisode zu tun haben sollen, will sich dem Rezensenten nicht erschließen. Wohl aber ihr Zweck: Das Programm dürfte offenbar sein, Dunkles aus Doderers Seelen- und Privatleben ans Tageslicht zu befördern. Wozu aber das nun wieder – nun, wer weiß da schon. Statt einer Schlagobers- heute eine kleine Schlammschlacht. Ihrem Zweck dient, scheint’s, auch der geschickt eingeflochtene Auftritt von Dorothea Zeemann. Welche übrigens, wie man als Zuschauer lernt, aus Bayern stammt. Wenn sie Doderer als “Strukturnazi” bezeichnet, klingt es, als würde Uschi Glas das sagen. (Das macht dafür Doderer wieder wett, indem er Gerhard Rühms Gedicht “bei dar heisldia” in anständig unanständigem Wienerisch rezitieren darf.) Und noch etwas erfährt man ganz nebenbei. Brisantes: Doderer und Gütersloh haben 1938 eine arisierte Wohnung bezogen. Womit man am Ende nicht nur dem Autor, sondern auch sich selbst keinen guten Dienst erweist. Wer den Unsinn glaubt, lese in Fleischers Doderer-Biographie nach (S. 275f.) und wisse es besser.

  21. david ramirer schreibt:

    Folge 8: Duplizitäts-Gören (Aufführung vom 22.2.2008)
    Regie: Florian Flicker
    Seite 559-654

    Als Teil des Inventares liegen (Ascher, Reiser, Dolezal) und sitzen (Zeiler) die Protagonisten bereits vor Beginn des Stückes, beim Einströmen des Publikums, im raumgreifenden Doppelbett und bauen dadurch einen intimen Rahmen auf, den das Publikum von Anfang an ignorieren muss, also in ein bewohntes Schlafzimmer hineintritt. Zeiler sitzt als “Heimito von Doderer” neben dem Bett, eine kleine Reitgerte in der Hand und sieht düster in die Runde der Besucher, die drei im Bett lächeln etwas irritiert dem Publikum zu. Ein Tagebuchzitat, das eine Brücke zu den “erleuchteten Fenstern” spannt, wird grimmig von Zeiler mit Peitschenschlag in die linke Hand als Einstieg hervorgestoßen, bevor die Titelmusik und die Vorstellung beginnt.

    Verspielt und witzig gerät das Nacherzählen der vergangenen sieben Folgen von der Off-Stimme und das dazu simultan in den Raum werfen von illustrierenden rosa “Moderationskarten” durch die Entourage im Bett.

    Die Pastre-Zwillinge und Eulenfeld sind den ganzen Abend lang am beratschlagen und rekapitulieren.
    Das Eintreten in das Schlafzimmer Doderers wird dennoch auch eines der Hauptthemen des Abends, indem Dorothea Zeemann eine kleine Rolle erhält und sich in die Figur der Mimi Scarlez (Angela Ascher) einschiebt. Mit Zeemanns Worten wird z.B. Doderers Eifersucht auf Thomas Mann eingebracht. Von Doderer selbst in seinem Tagebuch festgehaltene Probleme mit der Sexualität werden bemüht. Seine von der Öffentlichkeit (und ihm selbst) nie ganz überwundene problematische Positionierung zum Nationalsozialismus werden einerseits äußerst geschmacklos und überspitzt in das andererseits wundervoll rund um und auf dem Bett ablaufende Zitatekonglomerat angesetzt. Wenn die Figur des “Doderer” kurzfristig als Hitler-Epigone da steht und stammelnd schreiend kleinstbürgerlichen Unsinn von sich gibt, dann ist die denkbar größte Distanz zum Stoff des Stiegenromans gegeben. Ich würde die Art des Einflechtens von (fragwürdigen) Biographie-Versatzstücken als “frei assoziative Analyse” bezeichnen, die in der Bezughaftigkeit zur Realität natürlich theatergemäß überhöht und übertreibt (und manchmal strauchelt). Jedoch geht es hier nicht um Inhalte des Romans, sondern um “rein positive Dinge der Forschung”, den “Menschen Doderer”, der bei aller Kritik auch einen Restbestand an Respekt verdient hat. Dieser geht bisweilen in diesen freien Kakaoschüttaktionen verloren. Was bei den Romaninhalten durchaus steigernd (und verdeutlichend) wirken kann wird bei diesen Details gefährliche Verplattung und Ablenkung.

    Die Gespräche zwischen Eulenfeld, Editha Pastré und Mimi bewegen sich in musikalisch hochertiger Form rund um das Bett, die leise Musik aus dem Off bildet einen Teppich, auf dem die Zitate sich dramaturgisch schön aufschraubend emporhangeln.
    Doderer schlüpft ins Bett (zu Mimi/Dorothea), in dem die Romanfiguren gerade sprechen, er mischt sich in die Geschichte dissonant-störend ein, was nur dann bei der Lektüre des Romans passieren kann, wenn zuviel an Sekundärliteratur zeitgleich konsumiert wird.

    Der achte Abend hatte dramaturgisch dennoch eine besondere Qualität, da die Stimmung etwas sehr chaotisch-intimes aufbot und mit sehr geringen technischen Mitteln (Sprache, Tempo, ausgeklügelter Raumnutzung) unglaublich viel bewegte. Die Zeit verflog und war dennoch dicht gepackt mit “Stimmung”.

  22. Stefan Winterstein schreibt:

    Die sonst für Donnerstag abend/Freitag früh vorgesehene Rezension erscheint diese Woche ausnahmsweise erst Samstag früh. Wir bitten um Verständnis.

  23. Matthias Meyer schreibt:

    Folge 9: Rosenpopo.
    Regie: Alice Buddeberg
    S. 655-721

    Links das Melzersche Sofa mit dem Bärenfell (Achtung: Vor Betreten Schuhe und Stiefel ausziehen), in der Mitte, auf dem Podium unter dem Blauen Einhorn der Cafétisch für die Damen, rechts das Büro Melzers samt Amtsdiener - das ist der Kosmos der Folge neun, in der nicht nur Thea Rokitzers (vorerst relativ leeres) Innenleben entlarvt wird, sondern auch ein Happy End für Melzer - als cliffhanger-Frage - am Horizont aufscheint.
    Die Logik einer Soap Opera hat - das gesteht man schnell und gerne zu - nichts mit Doderers Roman zu tun. Und doch, wenn man am Schluß auf die nächste Folge der Strudlhofstiege vertröstet wird, liegt die Lindenstraße berechtigt nahe: Denn beides sind Ortsklammern, die ein komplexes Weltgemälde zusammenhalten (wenn auch von unterschliedlichem metaphysischem Belastungsgrad). Jedenfalls ist das die Logik der Version des Schauspielhauses, eine Version die von einem mittlerweile sichtlich eingespieltem Ensemble getragen wird, das schauspielerisch auf der Höhe einer Theatersoap ist (will sagen: natürlich viel besser als jede Fernehsoap, auch wenn man, nach der Folge 9, das Wort natürlich, über das René und Paula unnatürlich lange dialogisieren, nicht leicht verwendet).
    Alice Buddeberg konzentriert sich auf wenige Szenen: Das Gespräch zwischen Paula Pichler und Thea Rokitzer sowie die lange Szene zwischen Stangeler und Melzer in dessen Wohnung, die anderen Begegnungen (Melzer und Stangeler jeweils mit Schlinger-Zwilling-Versionen, Stangeler und Paula etc.) dienen eher der Hanldungsfortschreibung.
    Thea sitzt als Marionette auf dem Schoß von Angela Ascher, die sie mit marionettenhaften Gesten bewegt. In ihrem schließlich vivisezierten Kopf finden sich - außer einigen eigenen Autogrammkarten - ein Castingzettel vom letzten Popstar-Casting sowie ein Bild der Familie Brad Pitt/Angela Jolie. Da muß ihr erst ein Licht aufgehen und Melzer hineingesetzt werden - der ihr schließlich später auch noch von seinem Amtsschreibtisch den Text für ihre Einladungsszene in den Hohlkopf legt: Melzer schafft sich sein Glück selbst; Thea aber ist, ohne Melzer, ein blöckendes Schaf: so kurz und knapp das Statement der Regisseurin.
    Als Übergang zwischen den Szenen immer wieder Musik, zu der sich die Figuren wie Spieluhren bewegen, mit weißgeschminktem Gesicht und Puppen- oder Clownsmund sind sie meist gut funktionierende Automaten: Man muß diese Sicht nicht teilen, aber das Mechanische, das ‘Auf die Spur setzen und ablaufen’ kann man im Roman schon finden (wenn auch, so könnte man dagegen halten, weniger in diesen vergleichsweise späten Passagen).
    Menschen sind eben selten auf der Bühne (und das wird gekonnter und souveräner inszeniert und gespielt als in jeder Soap-Opera, die Menschen suggeriert, wo keine sind); nur im Gespräch zwischen Melzer und Stangeler, in der Intimität auf dem Bärenfell, mit verlegenen Gesten, beginnt es menschlich zu werden: Ein Reden über Gefühle, über Frauen, über Heirat und schließlich über sich selbst scheint möglich zu werden - unter verlegenen Gesten und immer wieder die Gesichter durchzuckenden Rückfällen ins Mechanische bei den beiden Männern, bis Stangeler in seinen großen zeitkritischen Monolog über die Obszönität des Zeitalters ausbricht (und damit nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor der Intimität mit Melzer flieht, der in einer gelungenen Doppelbesetzung als Frau Siebenschein auch den Zugang zu Grete zu verhindern droht).
    Der Engel mit dem Rosenpopo, der einmal über die Bühne schwebt, scheint dann eine Lösung aus dem Liebeschaos, in dem Stangeler und Melzer stecken, anzukündigen, doch straft ihn schon die allzu kitschige Musik, die ihn begleitet, Lügen.
    Jenseits der Soap-Romantik des Engels aber steht der Krieg - leitmotivisch in dieser Folge der Satz: “Das hat doch mit dem Krieg nichts zu tun”, zunächst von der Thea-Marionette immer wieder damenhaft dahergeplappert, am Schluß von Melzer herausgeschrien, bis dieser sich mit Ernst Jandl im SCHTZNGRBN wiederfindet - das ist nicht Doderer, aber doch eine der zentralen Fehlstellen des Romans, der mit dem Krieg partout nichts zu tun haben will.
    Eine Nachahmung des Romans, eine reine Bebilderung kann und soll ein solches Unternehmen nicht sein; aber eine kluge Auseinandersetzung mit dem Roman im 45-Minuten-Format (um 10 Minuten überzogen) ist Buddeberg allemal gelungen.

  24. david ramirer schreibt:

    Folge 9: Rosenpopo (Aufführung vom 29.2.2008)
    Regie: Alice Buddeberg
    Seite 655-721

    Im sehr krassen Kontrast zu den in den vergangenen Wochen zur Schau gestellten Inszenierungen nimmt Alice Buddeberg sich dem Dodererschen Figurenarsenal auf liebevoll-zärtliche Art und Weise an. Es ist daher in meinen Augen auch kein Zufall, dass die Figur der Thea Rokitzer in dieser Folge als kindlich gestaltete lebensgroße Papiermachépuppe auftritt und auf dem Schoß von Angela Ascher ihre innere Leere ergreifend offenbart. Der dadurch umgesetzte Umgang mit der Figur der Thea hat etwas fürsorgliches, und in ähnlicher Weise wird mit den Figuren, die von Menschen verkörpert werden, auch umgegangen.
    Dieser liebevolle Umgang mit seinen Figuren eignet auch Herrn Doderer… was bisher noch kein einziges Mal spürbar gemacht wurde. Dafür alleine schon sei Frau Buddeberg Dank gesagt.

    “Mit dem Krieg hat das alles nichts zu tun” fungiert als ausgesprochene Chiffre für die Szenenwechsel, in welchen die Figuren, die diesesmal durch starke weiße Gesichtsschminke Erinnerungen an die Commedia dell’arte, (aber auch an das Marionettentheater) aufkommen lassen, sich schlacksig und puppenhaft zu ihren neuen Plätzen begeben. Dort schlüpfen sie aber auf bewundernswerte Art und Weise in ihre Rollen und verkörpern die Schlüsselszenen der diesesmal aus dem Roman entnommenen Seiten.

    Dazu gehört unter anderem die oben schon erwähnte Visualisierung der Rokitzerischen inneren Leere, und es hebt sich von den anderen Inszenierungen stark ab, dass zu diesem Behufe fast nur unveränderte Zitate aus dem Roman verwendet worden sind.
    Einmal nur schiebt sich ein anderer wesentlicher österreichischer Autor ein: Ernst Jandl und sein “schtzngrmm” wird vom Major Melzer (Johannes Zeiler), der ja doch auch seine Kriegserinnerungen mit sich herumträgt, intoniert… dem eklatant widersprechend, dass das alles “mit dem Krieg nichts zu tun hat”.

    Meisterhaft umgesetzt wurde die Gesprächssituation zwischen Melzer und Stangeler, die den Weg zum Bärenfell in schweigendem, sich gegenseitig zaghaft abtastendem Mimen- und Körpersprachenspiel “abfeiern”. Da sitzt jede Drehung der Körper zueinander, jedes Warten, Zögern… das Schweigen ist beredter als viele Worte das vermögen könnten. Erinnerungen an Folge 7, wo ein Gespräch zwischen den beiden Männern so lieblos abgenudelt wurde, verpuffen angesichts dieses intimen Dialoges. Stangeler spielt verträumt am Lichtschalter, Melzer sucht währenddessen nach Worten, und das Gespräch baut sich auf ganz wenigen, klaren Begriffen und Sätzen aufruhend auf. Zeit wird hier lebendigst genutzt, und der Betrachter tritt in den Rythmus dieses Gespräches ein wie in einen eigenen Raum.

    Wie ein Fenster erschien mir diese neunte Folge - ein Fenster in eine andere Form des Theaters (im Vergleich zu den anderen acht Episoden), und wie Fenster öffneten sich auch die einzelnen Episoden, jedes einzelne hatte die Energie in sich, sich jeweils links und rechts der Zeitachse weiter auszudehnen, was zu einer szenischen Collage führte, die sich statisch - und doch auch sehr dynamisch - zusammensetzte: eine Kombination der Zustände, die nur mittels Magie hergestellt werden kann.
    Staunend wurde Theater lebendig und wie in noch keiner Episode bisher nachdrücklich demonstriert, dass Doderers Sprache sehr wohl theatertauglich ist… und mehr als das: dem Theater viel zu geben hat.

    (…) Er schwieg. Das beruhigte Melzern in einer seltsamen Weise: daß nämlich jenem die Sprache nicht durchging. Daß er absetzte. Langsam redete, immer noch knapp, immer noch die Worte wägend. Es gab Vertrauen, so etwa fühlt’ es der Major; und nicht eigentlich in das Gesagte, wohl aber in die Gültigkeit dieser Situation. (…) (Seite 686)

    …auch wenn das vielleicht im Grund alles nur Gemeinheiten sind.

  25. Eugen Banauch schreibt:

    Wenn Mary K. sich mit den Zehen Tee einschenkt
    oder
    Wieder daneben

    ‘Die Strudlhofstiege’ nach Heimito von Doderer im ‘Schauspielhaus’, 6. 3. 2008. 10. Folge: Jetzt oder nie (S. 721 - 790). Regie: Dominique Schnizer. Mit Angela Ascher, Christian Dolezal, Marion Reiser, Johannes Zeller.
    Gestern abend im Restaurant wurden wir von einem bummelwitzigen Kellner bedient, der nicht merkte, daß wir ihn überhaupt nicht lustig, sondern nur peinlich fanden. Wahrscheinlich kommt er mit seiner Art bei manchen Gästen gut an, und die, denen er bloß auf die Nerven geht, sagen oder zeigen ihm das nicht, weil sie meinen, daß er sie ohnedies nicht verstünde. Warum erzähle ich das?
    Wie in der Eröffnungsvorstellung zu Silvester gehabt: Mary K. als laszives Dummerl, das sich mit der großen Zehe mehrere Male erfolglos Tee einschenkt. Man spürt das große Konzept über den Leistungen der einzelnen Regisseure. Davor und danach einige aus den Handlungssträngen des oben angegebenen Romanausschnittes gerissene Text- und Handlungs-Fetzen. Alle Figuren (in Mehrfachbesetzungen) mehr oder weniger vertrottelt, sprachlich nicht stimmig bis ordinär - dies mit unablässiger Outrierung: Melzers Telephonate mit Editha, die Szene im Garten mit Schachls, Zihal und Thea, die Gondel-Jause bei Melzer (der sich, wie könnte das in dieser Inszenierung anders sein, Theas selbstgemachte Biskuit-Roulade mit den Fingern in den Mund hineinstopft), Melzers Gespräche mit Stangeler usw. Das alles hat nicht nur nichts mit Doderers Roman oder literarischer Auseinandersetzung zu tun, es ist einfach mißlungenes Theater. Daß viel gelacht und am Schluß viel applaudiert wurde - wie sich das versteht?

  26. Eugen Banauch schreibt:

    P.S.:
    Natürlich mag sich schon der Leser der ‘Strudlhofstiege’ gefragt haben, ob die (in Paulas Küche verfertigte) Biskuitroulade wirklich Theas Werk sei, und freilich ist - trotz der Überfülle derartiger ironischer Glanzlichter - auch dem Rezensenten des Schauspielhaus-Strudlhofstiegenstrudels nicht entgangen, daß die dort überreichte Roulade offensichtlich eine gekaufte war. Muß man sich da nicht auf die Schenkel hauen?

  27. david ramirer schreibt:

    @eugen banauch
    was für ein unglaublich wesentliches detail, auf das sie hier hinweisen, herr banauch! noch allerdings bin ich unschlüssig, ob das manchmal in den strudl geschlüpfte “e” mancher rezensenten oder aber ihr hinweis mehr die lachmuskeln aus deren unlauterer bewegung zurück in den doch angesichts derartiger injurien angebrachteren zustand absoluten stillstandes (dafür aber schwellen des am kopfe befindlichen kammes) bringt.
    im zweifelsfalle halte ich aber nach wie vor hemmungsloses lachen aber doch für die angemessenere reaktion: sonst könnte ja auch der verdacht sich aufbauen, jemand habe dinge, die im mantel des humors daherkommen, nicht auf die leichte schulter nehmen können.

  28. david ramirer schreibt:

    Folge 10: Jetzt oder nie (Aufführung vom 7.3.2008)
    Regie: Dominique Schnizer
    Seite 721-790

    Es gab in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine berühmt gewordene TV-Serie des amerikanischen Regisseurs David Lynch mit dem Namen “Twin Peaks“, die sich unter anderem auch dadurch auszeichnete, dass eine kaum überschaubare Anzahl an Protagonisten sich in einem kaum zu durchschauenden Geflecht von Bezügen und miteinander sich verwebenden Schicksalsketten in einem kleinen Ort in den USA rund um einige mysteriöse Vorfälle begegnen. Da war unter anderem der FBI Special Agent Dale B. Cooper, der versuchte, den Mord an dem blonden High-School-Girl Laura Palmer aufzuklären, und dabei mit Mächten in Kontakt trat, die er am Ende zwar erkannte, aber nicht mehr vom Einfluss auf sich selbst abhalten konnte. Ja, und da gab es eben auch diese Laura Palmer, die in der ersten Folge, gleich zu Beginn tot aufgefunden wurde. Später in der 29 Folgen umfassenden Serie tauchte Maddie Ferguson auf, eine Cousine von der ermordeten Laura Palmer, die ihr (abgesehen von der Haarfarbe) wie ein Zwilling glich. Die Musik der Serie steuerte (wie in sehr vielen anderen David Lynch-Filmen) Angelo Badalamenti bei, und diese steht seither für “Mystery” schlechthin. Warum erzähle ich das?

    Beim Eintreten wird mittels Beamer eine Dokumentation gezeigt, die mit amateurhafter Videokamera - Blair Witch Projekt-Zitat! - den Major Melzer (Johannes Zeiler) von einem Interviewer begleitet im neunten Bezirk herumstreifen lässt - selbstredend auch zur Stiege, die als Ort des Romans, wie eine Erinnerung dieser Figur beschrieben wird. Im Hintergrund läuft Musik von Twin Peaks, was der Dokumentation den Beigeschmack einer leicht mysteriös angehauchten TV-Sendung verleiht (deren es derzeit ja viele gibt - denn aus Twin Peaks hat sich ja eine ganze Palette von Nachfolgeserien herausgebildet).

    Ein paar Telefonate später befinden wir uns im Lichtenthal, bei der für Melzer und Thea so wichtigen Gartenparty bei den Schachls. Hier ereilen den Major einige handgreifliche Zitate aus dem hier auch namentlich wunderbar synchron (fast schon obszön) passenden Sparring-Partner Twin Peaks, wenn er sich dem in Zeitlupe im Wutausbruch ergehenden Rittmeister gegenübersieht und den gedoppelten Edithas, die sich von links und rechts in einer Vision vor seinem inneren Auge verwirrend darbieten. Auch Thea Rokitzer (Angela Ascher) schwebt natürlich zur Twin Peaks Titelmelodie vor den staunenden Augen des Majors durch den Garten, und holt Getränke…
    Endlich wird auch dem Zihalismus in einer dem Theater wunderbar entsprechenden Art und Weise Raum gegeben: Christian Dolezal schlüpft in den zu diesem Zeitpunkt schon längst “Mensch gewordenen” Amtsrat und gibt gegenüber dem Major eine Demonstration, was Zihalismus ist (gepaart mit kleinbürgerlichem Gehabe), indem er ihn über die Rauchwaren ausfratschelt. Ein in Folge 5 angerissenes Thema wurde also nun endlich tatsächlich auf die Bühne geholt. Angesichts dieses lebendigen Zihalismus ernst zu bleiben, ist wohl hoffentlich auch für den zihalistischsten Heimitisten zuviel verlangt. Dolezal kassierte vorher auch für die wunderbare Skizze des Herrn Ing. Schachl seine verdienten Lacher.

    Der arme Major Melzer wird ja zwei mal auf möglicherweise bei ihm anzutreffende Unpünktlichkeit angesprochen, was selbstverständlich zu entrüsteten Reaktionen führt. Da schmeckt dann die (tatsächlich nicht selbstgemachte!) Roulade nur mehr halb so gut, die ja auch ohne Thea gegessen werden muss (mit den Fingern), da diese ihr Entsetzen über den armen Bären nur durch Flucht verarbeiten konnte. Zeiler spielt die Entrüstung und den “Angriff auf seine Ehre” ganz großartig, aber auch Marion Reiser (als Editha, oder Mimi?) gibt die darauf auch kurzfristig eingeschnappte methodische Verführerin wunderbar.

    Wie in früheren Folgen endet der 10. Abend mit einem Cliffhanger, nachdem René den Major Melzer vom Tode seiner Schwester Etelka unterrichtet hat, und Mary K. sich die Schuhe anzieht, um das Haus zu verlassen.
    Vielleicht wird das Schildern der Ereignisse auch deshalb hier im Theater deswegen etwas leichter nachvollziehbarer, weil sich der Stiegenroman ja auf den letzten paar hundert Seiten sehr “einbremst” und keine großen Zeitsprünge mehr unternommen werden, wenn diese letzten Stunden des 21. Septembers 1925 erzählt werden. Vielleicht wird auch ganz am Ende noch erklärt, warum Mary K. sich den Tee hier in der Schneiderei mit ihren schönen Beinen erfolglos einschenkt: mir erscheint diese Erfindung nach wie vor als höchst mysteriös.

    Mysteriös ist das Schicksal bisweilen aber auch bei Heimito von Doderer; und der Bezug zu David Lynch ist für diejenigen, die es erkannten, eine Art Bonuszuckerl des zehnten Abends gewesen (zu einigen wirklich vergnüglichen Szenen).

  29. Eugen Banauch schreibt:

    P.P.S.:
    Nun, das Mysterium, warum sich Mary K. den Tee mit ihren schönen Beinen erfolglos einschenkt, ließe sich auf dem Niveau dieser Inszenierung am Ende so erklären: Sie schenkt sich, nach ihrem Straßenbahnunfall, mit dem verbliebenen Fuß erfolgreich Tee ein. Justament. Damit wäre die Brücke geschlagen zu ‘Die Dämonen nach Heimito von Doderer, 29 Folgen’. Und auch wieder zu ‘Twin Peaks’. Um mit meiner dreijährigen Enkeltochter zu sprechen: “Urlustig, gelt? Da muß ich aber lachen - hahaha.”

  30. david ramirer schreibt:

    @eugen banauch
    immerhin lachen Sie wieder! sogar gemeinsam mit ihrer dreijährigen enkeltochter! das freut mich. so tief scheint also die enttäuschung über das ihrer verortung nach so grottentiefe niveau der inszenierung nicht zu sein.

    danke im übrigen für ihre optionale entwirrung des mary k.-fuß-tee-mysteriums.
    wird als eine option in evidenz genommen.

  31. Stefan Winterstein schreibt:

    Folge 11: Fliegende Fauteuils (Aufführung vom 13.3.2008).
    Regie: Tomas Schweigen
    Seite 790–842

    “Wenn Langeweile die Welt ohne Mittelpunkt ist, so ist Warten das Verweilen auf einem Mittelpunkte ohne Welt”, heißt es in Doderers “Repertorium”.
    Hierzu zweierlei: 1. Langweilig war diese Folge bestimmt nicht. 2. Gewartet wurde dagegen viel, und die Welt war nicht nur durch die mit schwarzem Stoff verdunkelten Scheiben ausgesperrt. Eine Begräbnisgesellschaft, in der sich das Publikum prompt wiederfindet – es sitzt entlang den vier Wänden rund um einen in der Mitte des Raums stehenden schwarzen Sarg – wartet auf den Beginn der Trauerfeier, die Off-Stimme kann es nicht erwarten, endlich zum Einsatz zu kommen, und schnattert immer wieder in die Stille hinein drauflos, Mary K. wartet ihr finales Warten vor dem Unfall, UND Mary K. wartet Grete Siebenschein Tee auf. Mit den Zehen einschenkend. Ohne ihr Roulade dazu zu servieren.
    Daß um dieses Tee-Einschenken mit dem rechten Fuß, welches ich heute zum ersten Mal live miterleben durfte, soviel debattiert wird, erstaunt mich. Ist es denn nicht naheliegend, die Tatsache, daß die Vorkommnisse um dieses rechte Bein von der ersten Seite an im Raum der Romanhandlung stehen, bei einer Dramatisierung irgendwie physisch erinnerlich zu machen; und sei es, in einem generell eher komödiantischen Zugang, ulkig? Paßt nicht überdies Grete Siebenscheins am verhängnisvollen 21. September 1925 (sowie am 13. März 2008) ausgesprochener Satz “Man hat am ganzen Körper lauter linke Hände” fabelhaft zu diesem Bild, wenn Mary gut die Hälfte des Tees in ihrer Akrobatik jeweils zu verschütten pflegt? Und würden nicht gerade aus der Zunft der Germanisten (aus deren Reihen freilich, zugegeben, die Kritik nicht gekommen ist) tausendfältige sinnreiche Erklärungen für dieses Phänomen der Liquides kredenzenden Extremität kommen, stäke etwa die Autorschaft eines großen Literaten dahinter? (Da wären schon allerhand verquere Erklärungsansätze denkbar, etwa: Mary fröne da wohl nicht zuletzt auch ihrem Hobby des Tennisspielens, indem sie sich, mit ihrem “C” “T” einschenkend, gedanklich auf den im Augarten befindlichen T.C. versetze!)
    Zurück zum Abend: Der Mittelpunkt ohne Welt also Etelkas Sarg, um den René Stangeler die Ereignisse in Budapest erzählt, auf dem Mary K. und Grete Siebenschein tratschend Tee verschütten und hinter dem Asta Stangeler ein Video über ihre manisch-depressive Schwester zeigt. Der Mittelpunkt ohne Welt ist aber ein bißchen auch die sich um sich selbst drehende Inszenierung, wenn etwa Johannes Zeiler eine ein wenig zihaloide Trauerrede auf den Serientod hält und er später Angela Ascher darüber interviewt, wie es denn so sei, als Schauspielerin aus einer Rolle wieder herauszutreten, weil die dargestellte Person in der Serie verscheidet.
    Über alldem und noch mehr – auch einer grotesken Schlußsequenz – leise Orgelmusik und Weihrauch. Wenn bei allem Spaß hier trotzdem eine gewisse seriöse Stimmung noch bleibt und der Jux an keiner Stelle ins Peinliche abrutscht, verdankt es sich freilich weniger dieser sakralen Basis als der so gewitzten wie harmonischen Inszenierung von Tomas Schweigen einerseits und vortrefflichen schauspielerischen Leistungen andererseits.
    Der Rezensent hatte aus Lustlosigkeit erwogen, die Premierenkarte abzutreten. Es wäre ein Fehler gewesen.

  32. david ramirer schreibt:

    Folge 11: Fliegende Fauteuils (Aufführung vom 14.3.2008)
    Regie: Tomas Schweigen
    Seite 790-842

    In der Mitte des Raumes diesesmal ein mächtiger Sarg, Sitzgelegenheiten in respektvollem Abstand, die Fenster verdunkelt. Bereits beim Einlass befinden sich die Schauspieler im Raum bzw. kommen gemeinsam mit dem Publikum zu dieser Trauerfeierlichkeit. Die Schauspieler geben eine ernste Stimmung vor; betreten blicken sie, und obwohl es “4 gegen 30″ steht, befindet sich das ganze Publikum nach dem Verschliessen der Tür in dieser beklemmenden Wartehaltung, die auch einer Totenwache zu eigen ist. Das Stück beginnt heute mit diesem Zu-Machen der Haupteingangstür, und die Stille, die nur durch sachtes Orgelspiel (Bachs “Passacaglia” BWV 582 ganz zu Beginn und das wunderschöne Adagio aus der großen “Toccata in C-Dur” BWV 564) veredelt wird, macht alle Anwesenden zu Trauergästen.

    Johannes Zeiler, der heute nicht durch die Titelmelodie und den sonst am Beginn üblichen Ansager in eine bestimmte Rolle (Melzer, Fraunholzer, Doderer oder sonst wen) transportiert wird, ist der erste, der sich bewegt. In zaghaftestem Tempo geht er, jedes Knarren der Holzdielen vermeidend zur gegenüber sitzenden Marion Reiser, um mit ihr unverständliches zu flüstern.

    Es ist Etelka, die Schwester René Stangelers, die hier im Zentrum der Ereignisse heute ihren Raum posthum bekommt. René (Christian Dolezal) ist anwesend und erzählt, wie er nach Budapest gefahren, und dort über die Umstände ihres Ablebens in Kenntnis gesetzt worden ist. Doch die Stille (und Renés Erzählung) wird unterbrochen, die Versatzstücke aus den vergangenen Folgen tauchen auf - die Titelmelodie bricht in die Stille, der Ansager plärrt eine Kurzzusammenfassung, das Telefon läutet… und die ansonsten schon zur Gewohnheit gewordenen Serien-Erkennungselemente verwandeln sich in Störungen, denen sich die Schauspieler gemeinsam zu erwehren versuchen, um die Ruhe und Andacht wieder herzustellen.

    Erstaunlich war, wie gut das funktionierte, mit wie wenig Mitteln bereits eine völlig andere Grundstimmung hergestellt wurde als in den Folgen zuvor. Die meiste Zeit des elften Abends blieb auf dieser doch gemessenen Ebene, auch wenn es viele Passagen gab, die durchaus mit viel Humor vorgebracht wurden (etwa die Erörterungen von Zeiler über die Formen des Serientodes, oder aber auch das Interview mit Angela Ascher über ihren persönlichen Umgang mit dem Tod der Figur, die sie verkörperte) wechselte die Stimmung bisweilen, wenn René seinen Erzählfaden weiterspinnt, oder Asta Stangeler (Marion Reiser) die Bühne betritt und den Lobessermon auf die Verstorbene mit den Worten “meine Schwester war krank. Sie war manisch-depressiv” unterbricht, und ein Video mit vergangenen Szenenfragmenten, Versatzstücke einer Figur, vorspielt. Etelka bekommt in diesen kurzen Momenten ein klar umrissenes Wesensbild, das in den Folgen davor nur zwischen den anderen Handlungsfragmenten aufblitzte. Besucher der ganzen Serie konnten hier Erinnerungen auffrischen: wie das ja auch bei Abschieden durch Ableben oft der Fall ist.

    Am Ende gewinnt aber das “Gesetz der Serie” doch wieder (wenn auch nur kurz) die Oberhand. Der Serien-Ansager meldet sich zu Wort und stellt ein paar der Schauspieler hinter dem Sarg auf, damit sie schnell noch eine Szene “kreativ” umsetzen, z.B. die Szene mit Eulenfeld, Mimi/Editha und Thea Rokitzer, die von den Duplizitätsgören “gerollt” wird. Flugs ist aus René der Rittmeister geworden, Reiser und Ascher spielen zunächst die Zwillinge, bevor also Thea hereinkommt und die Melzer-Papiere an sich nimmt. Diese Passage ist mit einer derart erfrischenden Selbstironie gespielt, dass der Kontrast zum restlichen Abend sich kurzfristig stark etablieren konnte. Ein wenig wie die Erholung nach einem Begräbnis… und alles hätte so witzig mit einem Cliffhanger wie sonst auch enden können, wenn nicht plötzlich die Tür aufgesprungen und der Konsul Fraunholzer hereingestürmt wäre, um einen Teil Renés früherer Erzählung eindrucksvoll umzusetzen:

    “(…)Ich sah Robert am Fußende des Bettes zusammenbrechen, zusammenrumpeln, als hätte man dort einen Sack mit Holzscheiten ausgeleert. Eine ungeordnete Masse, aus der es stöhnte, wirklich wie Hals über Kopf, Arm über Hand.(…)”

    Somit endete der Abend in ernster, gemessener Grundstimmung, und hinterlässt das Gefühl, einer sehr differenzierten Betrachtung über die Tatsache des Todes beigewohnt zu haben. Der Tod Etelkas führt zu vielen weiteren Ereignissen im Roman und hat somit in der Serie den verstörenden Raum erhalten, den er verdient.

  33. Stefan Winterstein schreibt:

    Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette surprise (Aufführung vom 19.3.2008)
    Regie: Harald Brückner
    Seite 842-909

    Was von der wiederholt unterdrückten oder abgeschalteten Off-Stimme, die sich am Ende vom Folge 11 spontan noch eine kreativ umgesetzte Romanszene wünschte, kurzfristig provoziert wurde, wird in Folge 12 zum Programm: die Improvisation.
    Die Folge beginnt mit einem nicht erfolgenden Auftritt: Mary K. (Angela Ascher) fehlt. Während der üblichen Startansage schon macht sich unter den drei Anwesenden ob der Lücke Betretenheit breit. Schließlich stiehlt sich René Stangeler (Christian Dolezal) hinaus und begibt sich lautstark auf die Suche nach der Vermissten. Da betritt durch die andere Tür überraschend seine Schwester Etelka (Uschi Glas) den Raum. Sie ist offensichtlich wiederauferstanden – war sie nicht vorige Woche schon begraben worden? Man stutzt. Bedeutet das nun eine Absage an das für heute angesetzte Serien-Ende? Oder offenbart sich hier verspätet der Eintritt in eine Endlosschleife? Mitnichten.
    Angela Ascher, die nach wie vor spricht wie ihre Landsfrau aus dem Fernsehen, aber wenigstens mir doch bedeutend lieber ist, weigert sich schlicht, die verunfallende Mary K. zu spielen. Als man sie Etelka nicht sein läßt, tritt sie beleidigt wieder ab. Einstweilen mimt Marion Reiser durch fortlaufenden Platzwechsel zwischen zwei Fauteuils die beiden Zwillinge, bevor Angela Ascher, die sich in ihrem Gram am Fuß verletzt hat, wieder auftritt und inmitten des Raumes zusammenbricht. Ihre Kollegen nützen die Gelegenheit und überrumpeln die bereits passend am Boden Liegende zur Durchführung der Unfallszene (bzw. dessen, was darauf folgt). Währenddessen braust draußen durch die Porzellangasse ein D-Wagen …
    Um Äolstöne zu erlauschen, muß man heute indes schon recht genau hinhören. Der Abend wird zur Burleske, die für Feinfühliges und Romantisches kaum Platz läßt. Exemplarisch dafür: René schwärmt von der Gegend um die Strudlhofstiege und den verwandelnden Kräften, die da wirken – prompt fällt ihm Melzer mit Rühms “bei dar heisldia” ins Wort.
    Aber noch drei Details, um einen Eindruck zu geben, wie diese Folge verläuft: Christian Dolezal versteckt sich hinter einem portablen Busch, um in der Zwangslage der Improvisation ungesehen von einer Bühnenseite zur anderen zu gelangen. Für den weißen Glanz des über dem Ofen sichtbar gewordenen Amor müssen ein paar geschwind dorthin geschleuderte, schmutzig-weiße Pölster herhalten. Und Johannes Zeiler kommt erst auf halber Strecke drauf, daß er als in der Tabak-Regie tätiger Hofrat nicht wie Melzer sprechen, sondern besser etwa ein bißchen näseln sollte. Wer auf Affigkeiten dieser Art steht (der Rezensent tut es), kommt auf seine Rechnung. Wer dagegen einen formvollendeten Abschluß wollen würde (der Rezensent täte auch das), eher nicht.
    Am Ende finden sich die vier Darsteller zur Hochzeitsfeier in einem Regen von Blüten wieder, und es riecht so stark nach Lindenstraße wie noch nie. Der Zuseher wird nicht zuletzt um den Genuß der Zihal’schen Glücksformel gebracht; aber auch um den von ihr beförderten Stil. So ist es das von der Off-Stimme gesprochene “Ende”, das zuletzt den Unfall der Mary K. doch noch eindrucksvoll veranschaulicht. Es stolpert in die Luftgondel, welche diese Schneiderei zwölf Wochen lang sein durfte, wie noch keine Romanfigur je in ein Verkehrsmittel hineingelaufen ist. Die Gondel ist freilich der stärkere Teil: Daß sie nunmehr, ganz ungerührt, entschwebt ist, ist wirklich schade.
    Nun - man wird fortan wieder zum Roman greifen müssen.

    PS: Wertvolles darf der Rezensent noch zur kürzlich stattgehabten Rouladen-Diskussion beitragen: Es handelt sich bei der von Thea erworbenen Ware eindeutig um ein Produkt der Firma Jomo. Unidentifiziert bleibt weiterhin leider die Geschmacksrichtung. Sachdienliche Hinweise erbeten.

  34. david ramirer schreibt:

    Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette suprise (Aufführung vom 20.3.2008)
    Regie: Harry Brückner
    Seite 842-909

    Eines der Geheimnisse des Lebens ist - so betont es Doderer nicht nur in zahlreichen theoretischen Abhandlungen, sondern auch praktisch demonstriert z.B. im Stiegenroman - das “fatologische Gewebe”, dieses Netz aus einander bedingenden kleinen Details, bei dem es auf jede Einzelheit ankommt. Was wäre, wenn dieses oder jenes nicht geschehen wäre… und was hätte es nach sich gezogen… bzw. wieso ist auf dieses eine Ereignis wirklich dieses andere erfolgt, das dann dieses dritte Geschehnis ausgelöst hat, noch dazu nahezu gleichzeitig. Beim Lesen und Näherkommen der Strudlhofstiegenarchitektur (also: der Romanarchitektur) entwickelt der Leser (da muss er gar nicht ein “idealer” Leser sein) ein Gespür für diese auf so charmante Art und Weise humorvolle Art, das Leben zu sehen.

    Fast körperlich spürbar wurde es am Beginn der abschließenden zwölften Folge begreifbar gemacht, was geschieht, wenn eine Figur einfach nicht da ist: das Gewebe ist gestört, es können Ereignisse auf der Bühne nicht so ablaufen, wie ursprünglich geplant. Das “fatologische Gewebe” greift natürlich auch bei den dramatischen Künsten, und wenn eine Figur sich weigert (Angela Ascher) ihre Rolle zu übernehmen, dann haben die anderen Figuren einiges an Problemen. Doch die Figur kann dem Gesetz der Geschichte nicht dauerhaft entfliehen. Die anderen Schauspieler sorgten dafür, dass alles den inzwischen schon liebgewonnenen Gang geht: den Gang der “inszenierten Improvisation”, wo diesmal aus Mangel der eigentlich zentralen Figur (Mary K.) der Major Melzer (Johannes Zeiler) das Motto aus der Strudlhofstiege lesend vorträgt. Er wird dabei zwar von Marion Reiser ein paar mal im Lesefluß abgelenkt, aber in Erinnerung an die ganz erste Folge rückt sich da für mich etwas gerade: SO kann dieses wunderbare Gedicht trotz Störungen und nicht ganz lupenreinem Vortrag wirklich beeindruckend herüberkommen. Am Telefon fehlt einfach der Schauspieler dazu; auf subtile Weise schließt sich da ein Kreis.

    Die Schauspieler waren für zwölf Wochen in dem Roman zu Hause, und es wird auch spürbar, dass es den vieren nicht leicht damit ist, Abschied zu nehmen. Für die Besucher aller zwölf Teile (zu denen ich mich glücklicherweise zählen kann) gerät die letzte Folge zu einem grandiosen Finale. Die Höhepunkte aus den vergangenen Wochen tauchen wieder auf, und die Darsteller zelebrieren diesen Abschied mit viel Hingabe. Großartig der neuerliche Wutausbruch des Rittmeisters (Christian Dolezal), gegen den sich allerdings, anders als in Folge 5, die Theo Rokitzer mit einer sehr überzeugenden Gegenwut zu erwehren weiß. Das passiert zwar im Roman nirgends in der Form, hat aber dadurch seinen Platz, dass durch die Verlobung mit Melzer schon in gewisser Weise dem Rittmeister erfolgreich das Maul gestopft wird (was ja auch Zeit wurde).

    Melzers Vornamen erfahren wir auch in der Theaterfassung selbstverständlich nicht, dass ihn aber auch Melzer selbst nicht weiß, und ihn die Thea Rokitzer somit auch nicht erfährt, und sich selbst einen Namen ausdenken soll… das liegt weit hinter der genialen Idee Doderers, hier die Figur des Melzer als quasi Unbekannten erst sich erheben zu lassen, der durch ein Wort, das “der Autor nicht kennt”, und daher auch nicht aussprechen oder niederschreiben kann, seine Weihe erfährt. Dieser Moment wird in dieser Inszenierung nicht annähernd umgesetzt, aber was macht das schon?

    Sehr vieles wurde auch in dieser zwölften Folge verändert, umgestellt, durcheinandergewirbelt, in Frage gestellt und spielerisch dramatisiert. Das Ende als rauschende Hochzeit findet statt, da deckt es sich wieder mit dem Buch. Aus dem Gewirr aus fragmentarischen Bezügen erhebt sich letztlich viel Liebe fürs Detail und eine berauschende Szene, die mit starkem Applaus zu recht belohnt wird.

    Das letzte Omelette war wieder überraschend und macht Appetit auf mehr. Einer epischen Literatur sich so zu nähern, so spielerisch, so kreativ, so erfrischend, das sollte Schule machen. Das Publikum wird, genau wie die Schauspieler und Regisseure auch, den Roman nunmehr mit anderen Augen lesen, und eines ist gewiss: so verwirrend, wie die Theaterfassung es ist, ist das Buch keinesfalls.
    Und es bricht somit also eine neue Ära der Doderer-Lektüre an, wenn ein neuer Leser der Strudlhofstiege, vom Theater kommend, nach den ersten 100 Seiten der Strudlhofstiegenlektüre sagt: “Was für eine Erholung”.
    Das ist eine echte Leistung… und nicht nur dazu meine Gratulation!

  35. christian dolezal schreibt:

    Hahahaha a a aaaaa,danke für diese erwähnung!!!!!!!:

    “Aber noch drei Details, um einen Eindruck zu geben, wie diese Folge verläuft: Christian Dolezal versteckt sich hinter einem portablen Busch, um in der Zwangslage der Improvisation ungesehen von einer Bühnenseite zur anderen zu gelangen…..”

    habe laut aufgelacht,als ich das nächtens lesen durfte.eine von mir wirklich geliebte stelle an diesem abend.
    tja,das wars jetzt leider,leider,leider.
    danke für euer kommen,ihr mir lieben (manchmal vielleicht etwas zihaloiden)doderer-gesellschafter.
    c.d.

  36. david ramirer schreibt:

    mein Resumeé zum 12-teiligen Strudlhofstiegenprojekt im Schauspielhaus

    Mit der Besprechung der 12. Folge wäre dann die Sache abgeschlossen, dachte ich. Doch es kam anders. Als ich Dienstag, den 19. März 2008 um 20:15 nach Hause kam, fand ich in meinem Postkasten ein fein säuberlich mit Tinte beschriebenes Kuvert mit meinem Namen, im Kuvert steckte eine Karte mit folgenden Worten, in fein leserlicher Handschrift mit grüner Tinte geschrieben:

    18. März 2008, abends
    “Sehr verehrter Herr Ramirer!
    Nach der Lektüre ihrer Besprechungen zu den Strudlhofstiegenadaptionen am Schauspielhaus würde ich Sie gerne interviewen. Ich habe da ein paar Fragen an Sie.
    Könnten Sie noch heute ins Café Nuovo Brioni kommen? Ich vermute, Sie wissen, wo es sich befindet?
    Bin dort ab 21 Uhr und würde mich freuen,
    Ihr
    Heimito Doderer

    Eigentlich war ich ziemlich müde nach einem etwas entnervenden Tag, doch es kommt nicht alle Tage vor, vom (noch dazu bereits seit 42 Jahren verstorbenen) Lieblingsautor zu einem Interview eingeladen zu werden. Also machte ich am Fuße kehrt und fuhr zum Brioni beim Franz Josefs-Bahnhof.
    Und tatsächlich. Bei einem der Fenster saß, mit einer Schale schwarzem Kaffee, einer Torte, ein paar Füllfedern vor sich am Tisch… Herr von Doderer, der mich bat, Platz zu nehmen. Was ich verdutzt machte.
    Er sah gut aus. Gar nicht tot, oder beerdigt, oder krank. Was mich verwunderte: er rauchte nicht. Doch viel zum beobachten kam ich nicht, er nahm das Heft des Gespräches rasch an sich und begann folgendermaßen:

    Heimito von Doderer: Herr Ramirer, ich habe Ihre Rezensionen alle gelesen…

    ich: Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche: SIE lesen etwas im Internet?

    Heimito von Doderer: Nein, das ist ja alles nur ein Blödsinn. Aber manches landet eben ausgedruckt auf meinem Arbeitstisch. Mein Sekretär legt mir Sachen, die interessant sein könnten, auf den Tisch, ich überfliege das dann. Vieles davon ist ja uninteressant, aber ihre Kommentare… da hätte ich ein paar Fragen dazu.

    ich: Gerne, gerne. Es ist nur so komisch, dass Sie mich was fragen wollen. ich würde so gerne Ihnen ein paar Fragen stellen…

    Heimito von Doderer: Das wäre viel zu gewöhlich, oder nicht? Der Autor der interviewt wird. Das kennen wir ja alles schon. Da der Leser dem Autor gleichrangig ist, kann der Spieß auch umgedreht werden, und das tue ich hiermit.
    Also, erste Frage: Haben Sie den Eindruck, dass dieses nun abgeschlossene Theaterprojekt meinem Roman genutzt hat?

    ich: Meiner Meinung nach ist ihr Roman eine vollkommene Sache. So ein schönes Buch habe ich kein zweites gelesen. Jedes Wort an seinem Platz, die Geschichte kann vom Leser als Werkzeug für eigene Lebenserfahrungen herangezogen werden. Mir hat der Roman, als ich ihn las, eine Wärme vermittelt, die ich in anderen Büchern vermisst habe. Ich war dem Projekt am Schauspielhaus gegenüber sehr skeptisch: Meine Strudlhofstiege wollen die theatermäßig umsetzen - kann das gut gehen? Und ich finde es sehr passend, dass ich Ihnen gegenüber die Wendung “meine Stiege” verwende, denn ich als Leser habe an “meiner Lesart” des Buches ja auch schöpferischen Anteil und liebe das Buch - ähnlich wie Sie es liebten, als sie es schrieben.
    ich ging also skeptisch hin, und wurde überrascht. Das Theater kann vielleicht den Roman nicht “verbessern”, aber es kann neue Türen ins Buch eröffnen, und das ist beeindruckend gelungen.

    Heimito von Doderer: Jeder Leser meiner Bücher findet doch von selber ins Buch, oder nicht? Braucht es da neue Türen?

    ich: Für mich war z.B. Ihre Stimme die Tür. Ich hörte Sie einmal die Seite 331 auf einer Aufnahme vorlesen und fand Zugang in das Buch. Drei Anläufe hatten vorher nicht gefruchtet, dann ging es - und wie! Fast jeden Tag sich selbst wiederfinden in gedruckten Wörtern, was für ein Erlebnis. Ein Buch als Spiegel. Wunderbar - aber sie kennen das ja von Güterslohs “Bekenntnissen”.

    Heimito von Doderer: So wie mir mit Gütersloh ging es Ihnen mit der Strudlhofstiege?

    ich: ich glaube schon, ja. Obwohl man sowas ja schwer vergleichen kann.

    Heimito von Doderer: Ich habe, auch aus anderen Kritiken der Stücke, vor allem auch von mir sehr verbundenen Lesern und Autoren, erfahren, dass mit meinen Figuren dort sehr lieblos umgegangen wurde, dass brutal gekürzt, dass billiger Witz angewendet wurde. Sehen Sie das nicht auch? Oder täuschen sich die alle?

    ich: Es war eine teilweise sehr heftige Sache. Manche der Folgen hatten nur oberflächlich mit Ihren Inhalten zu tun, andere boten Passagen von bemerkenswert werktreuer Intensität. Es war ein Wechselbad. Es wäre etwas einseitig, nur das weitab liegende zu sehen, das es ja gab. Ich sah auch - und bemühte mich auch darum - das sehr liebevoll sich nähernde. Das zum Teil hilflos ausweichende, aber dabei niemals herunterputzende. Die Mitwirkenden haben sich, das war für mich zu sehen, sehr in Ihr Buch eingelassen. Nicht immer fanden sie umsetzbares, oder mussten Dinge stark adaptieren. Dabei entfernten sich etliche Passagen meilenweit von dem, was den Sprachexperten in ihrem großartigen Buch so wertvoll ist, und auch von dem, was Sie selbst so lieben: die Sprache und ihre Musik. Doch das Theater (mit welchem Sie ja, wenn ich einem Interview glauben schenken darf, nichts anfangen können) hat auch andere Möglichkeiten. Die Optionen der Gestik, kleinste Veränderungen des Lichts, räumliche Alterationen… die Magie des Theaters benutzt Sprache nur als eine Schiene, und die anderen sind ebenso wichtig. Die starken Kritiker des Projektes knien sich meist auf die sprachlichen Verluste. Doch was wurde alles in den anderen Ebenen aufgeboten! Das nicht zu sehen bedeutet: Enttäuschung, ganz klar.

    Heimito von Doderer: Wie Sie richtig sagen, mir hat das Theater zeitlebens nichts gegeben. Gehen Sie gerne ins Theater?

    ich: Hin und wieder, viel zu selten, kommt mir vor. Das körperliche Erleben von Sprache ist etwas ganz besonders schönes. Auch ihre Sprache kennt das.

    Heimito von Doderer: Wo finden Sie das in meinen Texten, das “körperliche”?

    ich: Beispielsweise in vielen ihrer Gedichte, die ich sehr liebe. Das Motto “Auf die Strudlhofstiege zu Wien” kann ich auswendig, und wenn ich es mir selbst zum Vergnügen vortrage, dann spüre ich es als Berührung an den Schultern, als eine Umarmung, so schön ist das. Oder “Ad Arcum Meum”…

    Heimito von Doderer: Sie meinen das?

    AD ARCUM MEUM
    Numquam deficiens valide qui brachia vibras
    ad jactum promptus imposito nervo!
    Sic vivat superum mandatis subditus auctor,
    tenso animo versus verbaque projiciens.

    AN MEINEN BOGEN
    Nimmer versagender Freund, wie schnellst du kräftig die Arme,
    legt man die Sehne dir ein, bist du zum Schusse bereit!
    Also müßte der Schreibende sein: vom höheren Auftrag
    jetzt hinunter gebeugt, springt ihm die Sprache hervor.

    ich: Genau! Unfassbar herrlich ist das! Das hat genau diese körperliche Qualität, die ich meine.

    Heimito von Doderer: Es ist immer wieder schön, wenn man Leser trifft, die auch zum Gespräch bereit sind. Ich merke aber jetzt, dass Sie müde werden. Ich denke, es ist besser, Sie fahren jetzt nach Hause!

    ich: Sie sind ein guter Beobachter und lieben die Menschen, über die Sie schreiben… ich danke Ihnen für die Fragen, es war ein “echtes” Erlebnis, Sie kennenzulernen.

    Heimito von Doderer: Wir sehen uns also in den “Dämonen” wieder?

    ich: Früher oder später mit Sicherheit. ich muss erst noch die Türe finden…

    Heimito von Doderer: Sie werden sie finden, darauf vertraue ich. Servus, Ramirer!

    ich: Sagen Sie “David”. Gute Nacht!

  37. Reinhold Treml schreibt:

    Herzlichen Dank an alle Kritiker und Kommentatoren der Strudlhofstiegen-Serie (oder Strudlhofstiegen-Sitcom?) im Schauspielhaus!
    Auch wenn man nicht die Möglichkeit hatte, die Aufführungen zu sehen, war es ebenso informativ wie vergnüglich, die Texte und (freundschaftlichen) Streitereien der Rezensenten zu verfolgen.
    Wenn man diese Sammlung durch Stellungnahmen des Schauspielhauses, der Regisseure und Mitwirkenden abrunden könnte (hallo Schauspielhaus, das ist ein Aufruf!), ergäbe sich vielleicht ein kleines Textcorpus, das seinen Weg ins Forum der “Schriften der Doderer-Gesellschaft finden könnte.
    Ist bei den Aufführungen eigentlich mitgefilmt worden? Auch das könnte interessant sein!
    Reinhold Treml

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