Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Worum es ging

1958 hatte die in erster Ehe mit Heimito von Doderer verheiratete Gusti Hasterlik in die USA, wo sie seit Ende 1938 lebte, einen Brief von ihrer Freundin Erika Neubauer aus Wien bekommen. In diesem schrieb Erika Neubauer von Doderers literarischem Erfolg und dass sie sich in einer Romanfigur seiner Dämonen erkannt hatte („Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann.“) – ohne dabei aber den Namen der Figur zu nennen. (Siehe Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”)

Auf der Suche

Erika Neubauer hatte mehrere Briefe an Gusti Hasterlik geschrieben, in denen auch die Rede von ihren drei Töchtern war. Gusti Hasterliks Nichte Giulia Hine machte sich auf die Suche nach den Töchtern – und fand sie. Zunächst über den ebenfalls in den Briefen als Freund und späteren Ehemann von Erikas Tochter Bärbel erwähnten Opernsänger Heinz Holecek und schließlich über den Absender auf Erika Neubauers Briefen. Die Adresse in Wien Pötzleinsdorf ist seit damals, wie sich herausstellte, dieselbe geblieben.

Die Töchter Bärbel Holecek und Dr. Monika Rosenauer hatten mir in Wien von ihrer Mutter Erika Neubauer, ihren Erinnerungen an Dodo Dressel und an Gusti Hasterliks Besuche bei ihrer Mutter in Wien nach dem Krieg erzählt. Prof. Dr. Artur Rosenauer schloss in diese Erzählungen auch Heimito von Doderer ein, den er, (ebenfalls Absolvent und seit 1962 Mitglied des Institutes) wiederholt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung gesehen hatte. Doderer dürfte dort für seine Romane recherchiert haben.

Mit Martin Voraceks Doktorarbeit “Rand der Wissenschaft, Beginn des Magischen. Eine literar-onomastische Studie zu den Figurennamen im Werk Heimito von Doderers” und den Erzählungen der Töchter Erika Neubauers konnte ich den in Frage kommenden Personenkreis auf Dolly Storch, Fella Storch und Angelika Trapp einschränken.

Gefunden

Bei nachfolgenden Telefongesprächen mit Dr. Rosenauer wurde deutlich: Weder passte die Beschreibung der molligen Dolly, noch jene der insektenhaften Fella auf Erika Neubauer. Dafür zeichneten sich auffallende Ähnlichkeiten zwischen Erika Neubauer und Angelika Trapp ab.

Erika Neubauer, Modell für Angelika Trapp

Die Romanfigur Angelika Trapp ist Studentin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stolzer Besitzer eines Autos mit Chauffeur. Sie ist mit dem Historiker Hans Neuberg verlobt, doch dieser trennt sich von ihr und Angelika Trapp heiratet stattdessen den erfolgreichen Dulnik, Klient ihres Vaters und Direktor einer Papierfabrik. Dass Hans Neuberg jüdischen Ursprungs war, Dulnik aber nicht, spielte in den „Dämonen der Ostmark“ noch eine entscheidende Rolle.

Das Modell für Angelika Trapp, Erika Neubauer bzw. Erika Veik, so ihr Mädchenname, unter dem Doderer sie kennen gelernt haben musste, kam 1924 mit 19 Jahren von der nordmährischen, ehemals österreichisch-schlesischen Stadt Troppau, wo sie mit ihren Eltern Arthur und Helene Veik gelebt hatte, zum Studium der Kunstgeschichte nach Wien. Dort lebte sie bei ihrer Tante Tusnelda von Gutenberg in der Landstraße. Ihr Vater, Rechtsanwalt von Beruf, war eine bekannte auch kulturell aktive Persönlichkeit. Er besaß, wie die Romanfigur, ein Auto, das von einem Chauffeur gefahren wurde. Der Großvater, so die Töchter von Erika Neubauer, soll Namensgeber in Doderers “Ein Mord den jeder begeht” gewesen sein. Ähnlichkeiten bestehen auch zwischen den Vornamen Erika und Angelika sowie dem Namen Troppau, als Ort, in dem Erika ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und dem Familienennamen Trapp von Angelika. Erika Veik war, lange vor ihrer Ehe, mit Hans Neufeld verlobt gewesen; an sein Foto, das die Mutter sichtbar aufbewahrt hatte, erinnerte sich Frau Dr. Rosenauer. Eine Ehe mit dem Fabriksbesitzer Edgar Förster war geplant, doch kam sie nicht zustande und Erika Veik heiratete Mitte der 1930er Jahre Herrn Neubauer.

Ein herzliches Dankeschön an Frau Holecek, Frau Dr. Rosenauer und Herrn Prof. Dr. Rosenauer für eine gemütliche Jause in ihrem wunderschönen Haus in Wien, ihre Bereitschaft, humorvoll und spannend ihre Erinnerungen mit mir zu teilen und dafür, dass ich das Foto von Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater für die Homepage der Doderer Gesellschaft ablichten durfte.

Alexandra Kleinlercher

3 Antworten auf “Auf der Suche nach Erika Neubauer und ihrer Romanfigur in Doderers “Dämonen””

  1. Guenther Hildebrandt schreibt:

    Es ist schade, daß solche hochinteressanten Beiträge, hinter denen sehr viel Arbeit steckt, durch den Aufbau dieses Forums (und unkommentiert, ungelobt…!!!) der Vergessenheit anheimzufallen scheinen.

    Stattdessen permanente Rezensionen zu permanenten Aufführungen…

  2. david ramirer schreibt:

    @guenther hildebrandt
    …und es ist schön, und spricht für den aufbau dieses forums (und dem aufbau der meisten web 2.0-anwendungen), dass schon ein kommentar, ein lob, hier einen damm brechen kann und einen artikel, der es verdient, wieder ins rechte licht rückt.

    in einer woche ist übrigens die “permanenz” zu ende, und die kommentarschiene des forums wieder frei für die “ernsthafte” dodererforschung, bei der die recherche und umsetzung nicht wochenweise, sondern wegen der schwierigen vorarbeiten monatelang dauert, und bisweilen auch jahre beansprucht.

    dem forum aber hat es aus meiner sicht sehr gut getan, dass 12 wochen lang regelmäßig etwas kommentiert wurde… auch laien haben einen blick auf doderers werk, und dieser blick ist vielleicht nicht so präzise von “fakten” durchsetzt wie der blick der wissenschaftlichen riege, aber für eine breite wahrnehmung dieses großartigen autors entscheidend.

  3. Webmaster schreibt:

    @Hildebrandt: … und schon haben Sie das Thema - vermutlich ohne es zu wissen - durch Ihren Kommentar wieder auf die Startseite befördert. Mit diesem Link können Sie alle Reaktionen auf den Artikel sogar abonnieren (in Firefox oder mit einem RSS-Reader). Willkommen im “Web 2.0″!

    Der Webmaster

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