Zu Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie

Wolfgang Fleischers Doderer-Bographie ist nicht nur Lebensbeschreibung sondern vor allem Lebensbewertung - und das Ergebnis dieser Bewertung hat der gestrenge Herr Fleischer gleich als Titel vorangesetzt “Das verleugnete Leben….”. Deshalb muß es auch gestattet sein, sich mit den Schlüssen auseinanderzusetzen die Herr Fleischer aus den von ihm so umfassend recherchierten Fakten zieht.

Einer der Haupt- Dreh- und Angelpunkte um den der Beurteilungshammer Fleischers schwingt, ist selbstverständlich die NS-Zeit und Doderers Parteimitgliedschaft und für Fleischer wiegt diese Mitgliedschaft geradezu tonnenschwer. Wenn Martin Mosebach in seinem kürzlich erschienen Aufsatz davon spricht diese sei “federleicht” gewesen, kann man das natürlich nur als kapitalen Blödsinn bezeichnen!

Federleicht war sie vor allem für Doderer selbst nicht! Aus seinen Tagebüchern kann wohl niemand ableiten, er sei nicht kritisch mit sich selbst ins Gericht gegangen. Zum Zeitpunkt seines Parteibeitrittes hat er offensichtlich mit den NS-Ideen sympathisiert; ob das, was er darunter verstanden hat, auch mit dem Parteiprogramm übereinstimmte, darf offen bleiben. Bei näherem Hinsehen wären Doderers Werke wie “Die Bresche” oder die Vorarbeiten zu “Jutta Bamberger” kaum mit dem NS-Kunstverständnis vereinbar gewesen, sein Glück war, daß er wegen seiner Erfolglosigkeit unter der behördlichen Wahrnehmungsschwelle blieb.

Mit seinem, wahrscheinlich als Nazi-Anbiederung gedachten, Werk “Die Dämonen der Ostmark” kam Doderer offensichtlich nicht zurecht, sodaß bis zum tatsächlichen Erscheinen der “Dämonen” von der Ostmark und wohl auch von Doderers Antisemitismus nichts mehr übrig war.

Geradezu eine Ironie der Geschichte zeigt das Schicksal von Doderers “Freund” Gütersloh. Dieser war, wie aus seinen Briefen ersichtlich, um nichts weniger NS-begeistert als Doderer, hatte aber das Pech den Kulturschergen ungut aufzufallen woraufhin er von seinem Posten entlassen wurde und Malverbot bekam - was ihm nach dem Krieg sofort wieder zu Stellung und Ansehen verhalf. Ob Gütersloh ähnlich klar wie Doderer die Verwerflichkeit der NS-Ideologie erkannte, ist mir nicht bekannt.

Für Doderer gilt, daß er erstens seinen Irrtum eingesehen und zweitens dafür gebüßt hat. Zumindest mußte er nach dem Krieg die “Entnazifizierung” über sich ergehen lassen und konnte nicht sofort wieder publizieren. Vielleicht hätte er ohne den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit sogar den Nobelpreis bekommen.

Im Licht dieser Überlegungen erscheint mir der Buchtitel und zugleich das Resultat der Lebensbewertung “Verleugnetes Leben” nicht gerechtfertigt.

Kurt Payr

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