Archiv für Februar, 2007

Auf der Suche nach einer Romanfigur in Doderers “Dämonen”

Montag, Februar 26th, 2007

An alle Doderer “Dämonen” Leser und Leserinnen:
Welche Romanfigur könnte Gusti Hasterliks Bekannte Erika Neubauer in “Die Dämonen” gewesen sein?

Bei der Übersetzung eines Briefs von Erika Neubauer an Gusti Hasterlik vom 15.1.1958 stieß Giulia Hine, Gusti Hasterliks Nichte, kürzlich auf folgende Stelle:

“Ich wüsste doch so gerne, was Sie zu den “Dämonen” sagen. Wie war ich durch dieses Buch eigentlich den ganzen Sommer auf Ihren Spuren und immer wieder in der Erinnerung bei Ihnen und jener Zeit. Hier ist es ein grosser Erfolg und H. war ja für den Literaturpreis
vorgeschlagen, den dann Camus bekam. Ich bewundere daran unter anderem die unbeschreibliche Arbeit, die der Mann geleistet hat. Kein Tratsch, der ihm entging, so weit ich zumindest die Darstellung meiner Person beurteilen kann. Ich wünschte manches gestrichen, bin aber ehrlich verblüfft über den Schritt von den einstigen Werken zu diesem, vor allem in der tollen Formulierung. Aber es gibt Momente, wo man sich einfach nach einem “warmen” Wort oder Gefühl in dem ganzen Buch sehnt. Gott, wüsste ich gerne, was Sie sagen aber das muss für Sie wohl kaum ausdrückbar sein.”
(Hine Collection, Institute on World War II and the Human Experience, Florida State University (FSU), item 5332, 1958/01/15, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste]; Tippfehler wurden korrigiert)

Für wen könnte Erika Neubauer in den “Dämonen” Modell gewesen sein?
Erika Neubauer ist 1905 geboren, war zur Zeit der Romanhandlung Anfang 20, und lebte, auch während des 2. Weltkriegs, in Wien. Sie war Kunsthistorikerin, dürfte sich viel in Musikerfreundeskreisen bewegt haben und kannte Otto (Dodo) von Dressel-Uylefeldt (19.1.1896 - 1948), der in den “Dämonen” als Rittmeister Freiherr von Eulenfeld als Anführer des gerne feiernden und trinkenden “Troupeau” auftritt und zu den “Unsrigen” gehört. Über Otto Dressel schreibt Erika Neubauer am 4.10.1947 an Gusti Hasterlik:

“The children and I had been evacuated to St. Wolfgang where we met Pia Hartungen and Dodo Dressl [sic] who had lived there for 2 years already. During the very long winter nights we often talked about our common friends and past times which brought the conversation to you.
Dodo is doing very badly, he is a walking corpse. Due to his asthma he can hardly walk. His cigarettes and alcohol consumption have decimated him totally. Nobody will give him a job and because he is German he is being threatened with deportation. He does not know what he could live on. All of it is so very sad and slowly his famous humor is fading away too.”
(Ebda, item 4041, 1949/10/04, Brief von Neubauer, Erika an HA [Hasterlik, Auguste], Übersetzung Giulia Hine)

Für Hinweise welche Figur Erika Neubauer in den “Dämonen” sein könnte, wäre Giulia Hine dankbar. Hat jemand von Euch / Ihnen eine Liste der Figuren, die in den Dämonen vorkommen? Das würde eine Suche nach Erika Neubauer erleichtern.

Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater
Erika Neubauer geb. Veik mit ihrem Vater

Mit besten Dank für Eure / Ihre Mithilfe beim Suchen
Sandra Kleinlercher im Namen von Giulia Hine

Zu Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie

Mittwoch, Februar 21st, 2007

Wolfgang Fleischers Doderer-Bographie ist nicht nur Lebensbeschreibung sondern vor allem Lebensbewertung - und das Ergebnis dieser Bewertung hat der gestrenge Herr Fleischer gleich als Titel vorangesetzt “Das verleugnete Leben….”. Deshalb muß es auch gestattet sein, sich mit den Schlüssen auseinanderzusetzen die Herr Fleischer aus den von ihm so umfassend recherchierten Fakten zieht.

Einer der Haupt- Dreh- und Angelpunkte um den der Beurteilungshammer Fleischers schwingt, ist selbstverständlich die NS-Zeit und Doderers Parteimitgliedschaft und für Fleischer wiegt diese Mitgliedschaft geradezu tonnenschwer. Wenn Martin Mosebach in seinem kürzlich erschienen Aufsatz davon spricht diese sei “federleicht” gewesen, kann man das natürlich nur als kapitalen Blödsinn bezeichnen!

Federleicht war sie vor allem für Doderer selbst nicht! Aus seinen Tagebüchern kann wohl niemand ableiten, er sei nicht kritisch mit sich selbst ins Gericht gegangen. Zum Zeitpunkt seines Parteibeitrittes hat er offensichtlich mit den NS-Ideen sympathisiert; ob das, was er darunter verstanden hat, auch mit dem Parteiprogramm übereinstimmte, darf offen bleiben. Bei näherem Hinsehen wären Doderers Werke wie “Die Bresche” oder die Vorarbeiten zu “Jutta Bamberger” kaum mit dem NS-Kunstverständnis vereinbar gewesen, sein Glück war, daß er wegen seiner Erfolglosigkeit unter der behördlichen Wahrnehmungsschwelle blieb.

Mit seinem, wahrscheinlich als Nazi-Anbiederung gedachten, Werk “Die Dämonen der Ostmark” kam Doderer offensichtlich nicht zurecht, sodaß bis zum tatsächlichen Erscheinen der “Dämonen” von der Ostmark und wohl auch von Doderers Antisemitismus nichts mehr übrig war.

Geradezu eine Ironie der Geschichte zeigt das Schicksal von Doderers “Freund” Gütersloh. Dieser war, wie aus seinen Briefen ersichtlich, um nichts weniger NS-begeistert als Doderer, hatte aber das Pech den Kulturschergen ungut aufzufallen woraufhin er von seinem Posten entlassen wurde und Malverbot bekam - was ihm nach dem Krieg sofort wieder zu Stellung und Ansehen verhalf. Ob Gütersloh ähnlich klar wie Doderer die Verwerflichkeit der NS-Ideologie erkannte, ist mir nicht bekannt.

Für Doderer gilt, daß er erstens seinen Irrtum eingesehen und zweitens dafür gebüßt hat. Zumindest mußte er nach dem Krieg die “Entnazifizierung” über sich ergehen lassen und konnte nicht sofort wieder publizieren. Vielleicht hätte er ohne den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit sogar den Nobelpreis bekommen.

Im Licht dieser Überlegungen erscheint mir der Buchtitel und zugleich das Resultat der Lebensbewertung “Verleugnetes Leben” nicht gerechtfertigt.

Kurt Payr

Mosebachs Doderer und sein Schöpfen aus “unreiner Quelle”

Donnerstag, Februar 8th, 2007

“Zu den ‘Commentarii’ des Heimito von Doderer”, so lautet der Untertitel von Martin Mosebachs 73-Seiten Buch “Die Kunst des Bogenschießens und der Roman”, doch über diese, Doderers Tagebücher von 1951 bis 1966, ist darin nur wenig zu erfahren. Dafür äußert er sich auf knapp eineinhalb Seiten abschätzig über Wolfgang Fleischers Buch “Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer”: “[N]icht weniger als eine Verleumdung“ sei es, im Falle Doderers „von einem ‘verleugneten Leben’” zu sprechen, schreibt Mosebach (S. 18).

Doch für Doderer selbst galt: “Ein Schriftsteller hat keine Biographie” und so sahen es auch Freunde Doderers, etwa Marie-Louise Reiter: “Ich fürchte, wir alle haben nicht genug Abstand zu ihm [HvD] uns erscheinen seine Unechtheiten, seine Verkrampftheit, sein Geltungstrieb und seine Verschrobenheit wichtig, sie sind es bestimmt nicht, denn gelten darf bei ihm, so sagt er selbst es auch immer, sein Werk und das ist großartig.” (Brief vom 14. 10. 1956 an Auguste Hasterlik in: Hine Collection, FSU, item 5417.)

Was wirft er Wolfgang Fleischer vor? Eine sachliche Kritik findet sich bei Martin Mosebach nicht. Er stellt eine Reihe von Behauptungen auf, ohne diesen konkrete Beispiele folgen zu lassen: “Abneigung” und “Haß”, auch Abscheu unterstellt er Fleischer, obwohl dieser vom “Dichter” “nur Gutes” erfahren habe. Es sei eine der “giftigsten” Biographien, doch Doderer würde “in jeder Zeile seines Werks die ihm nachgesagte Verlogenheit und Niedertracht” widerlegen. Da Mosebach Fleischers Doderer-Biographie selbst als Grundlage seiner Ausführungen nimmt, gesteht er ihr “Gründlichkeit” und “Detailliertes über Doderer” zu, doch habe er nur mit “Widerwillen” aus “dieser unreinen Quelle“ geschöpft (S. 16ff).

Wolfgang Fleischers Doderer-Biographie ist kritisch, gibt dabei aber ein differenziertes Bild von Doderer. Auch, dass er, als dessen ehemaliger Sekretär, Doderer mochte, bleibt einem genauen Leser nicht verborgen. Doch Mosebach ist kein genauer Leser. In seinem Buch finden sich zahlreiche Fehler, auch solche, die Fleischer in seiner Doderer-Biographie korrigiert hat, etwa, dass Doderer 1933 in Österreich Mitglied der “illegalen [sic] Auslands-NSDAP” geworden sei (S. 22). (Als Doderer im April 1933 der NSDAP in Österreich beitrat, war sie noch legal. Es war auch keine “Auslands”-Partei: 1903/1904 wurde die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) im Habsburgerreich gegründet, 1918 in DNSAP umbenannt, aus der sich 1926 die NSDAP abspaltete.)

Worum geht es Martin Mosebach eigentlich? Das lässt sich unschwer zwischen den Zeilen lesen: Doderers NS-Sympathien sollen bagatellisiert werden. In einer Gegenüberstellung von Doderer und Gütersloh schreibt er bei Doderer von einer “höchstens virtuellen NSDAP-Mitgliedschaft” (”von geradezu federleichter Irrealität” heißt es zuvor auf S. 22), während Gütersloh ein “echter Nazi” gewesen sei (S. 38). Doderer war also gegenüber Gütersloh ‘nur’ Mitglied. Wozu dieser Gegensatz, wenn nicht, um Doderer bei dieser Bewertung besser aussteigen zu lassen. Dass beide die NS-Begeisterung geteilt und eine ähnlich antidemokratisch, hierarchisch geprägte Weltanschauung hatten, geht aus Fleischers Doderer-Biographie hervor; dass Gütersloh auch Opfer des NS-Regimes war (Entlassung, Berufsverbot als Maler und Schriftsteller, Arbeitsdienst), lässt Mosebach, da es seiner Argumentation wohl nicht dienlich ist, unter den Tisch fallen.

Was Mosebach nicht ins Konzept passt, wird weggelassen. Etwa als er Überlegungen zum Titel von Doderers Roman “Die Dämonen” anstellt (S. 31f). Er geht dafür zwar auf den ersten Arbeitstitel “Dicke Damen” ein, erwähnt aber den späteren, “Die Dämonen der Ostmark”, nicht. Dieser Arbeitstitel (und der Inhalt dieses zunächst antisemitisch geprägten Romanprojekts) könnten Mosebachs Aussage “Doderer hat keine Zeile geschrieben, die dem Nazitum verpflichtet gewesen wäre” (S. 22) zumindest relativieren.

Mosebach sagt über Doderers “Dämonen”, diese “mit den Augen der Liebe gelesen zu haben”. Er schreibt: “Liebe macht bekanntlich oft blind, manchmal aber auch sehend, sogar hellsichtig” (S. 29). Letzteres ist ihm nicht vergönnt.

Alexandra Kleinlercher

Aktuelle Neuerscheinung: Mosebach, Die Kunst des Bogenschießens und der Roman

Sonntag, Februar 4th, 2007

Martin Mosebach: Die Kunst des Bogenschießens und der Roman. Zu den »Commentarii« des Heimito von Doderer. München: Carl Friedrich von Siemens Stiftung 2006 (Reihe: »Themen«; 84). Der Band enthält zahlreiche Photos, Faksimiles und eine Einleitung von Michael Maar. Die Publikation ist nicht im Buchhandel erhältlich, kann aber direkt bei der Carl Friedrich von Siemens Stiftung kostenfrei bezogen werden.